Anhalter Bahnhof : Der Bär und die Bildhauerin

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Am liebsten möchte man sofort den Tierschutz anrufen. Nicht nur, dass das arme Pferd bei dieser Witterung draußen stehen muss, das zartgliedrige Wesen ist auch noch von lauter Baustellen umzingelt! Monstermaschinen spucken Erdreich aus, Riesenbohrer fräsen sich in den Untergrund, Rohre, dick wie tausendjährige Eichen, warten darauf, versenkt zu werden.

Ein Glück, dass der Vierbeiner auf dem Renée-Sintenis-Platz aus Bronze ist. Ein Friedenauer Wahrzeichen, auf dessen kühlem Metallrücken alle Kids aus dem Kiez schon mal geritten sind. Geschaffen hat das friedlich grasende Fohlen jene Frau, nach der sein Standort benannt ist. Die Bildhauerin lebte von 1945 bis zu ihrem Tod 1965 nicht weit entfernt, in der Innsbrucker Straße.

In der umfassenden Ausstellung, die das Georg-Kolbe-Museum Renée Sintenis derzeit zu ihrem 125. Geburtstag ausrichtet, ist in einem Film zu sehen, wie sie mit flinken Händen ihre Tiere aus Ton modelliert. Um die mal miniaturhaften, mal lebensgroßen Abgüsse der Rehe, Böcklein, Esel rissen sich die Sammler, während Sintenis mit ihrem Bubikopf selber zum beliebten Fotomodell avancierte. Knabenhaft und herb, stolz und streng, die Inkarnation der emanzipierten Frau im zukunftstrunkenen Berlin der Weimarer Republik. Bewusst hatte sich die androgyne Schönheit einen zweideutigen Vornamen zugelegt, für Renée die bürgerliche Renate abgestreift.

Frauen sind keine Engel, und Tierskulpturen müssen nicht das Kindchenschema bedienen. Verglichen mit dem putzigen Bambi-Reh im Goldmäntelchen, das alljährlich verliehen wird, wirkt das Bestiarium der Renée Sintenis ungezähmt. In freier Wildbahn zu Bronze erstarrt.

Ihre bekannteste Figur, der Berlinale-Bär von 1956, ist jedenfalls kaum dazu angetan, Beschützerinstinkte zu wecken. Wenn die Statuette am 15. Februar bei der Bekanntgabe der Festivalsieger wieder ihren Auftritt des Jahres hat, kann man es einmal mehr sehen. Dieser kleine Bär von Berlin scheint bereit zu sein, mit erhobenen Tatzen kräftig zuzulangen, wenn die Situation es erfordert. Vielleicht gerade jetzt, wo ein Bären-Gewinner von 2013 mit Familie im Asylbewerberheim sitzt und die Stadt, die ihn gefeiert hat, nichts mehr von ihm wissen will (siehe Seite 21). Frederik Hanssen

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