Anhalter Bahnhof : Der letzte Triller

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Und plötzlich liegt ein Hauch von „Stuttgart 21“ in der Luft. „Sie reden hier mit Bürgern. Wir haben das Recht, Politiker herauszufordern“, schmettert Volker Hassemer den kulturpolitischen Sprechern der fünf Fraktionen entgegen. Die aber sitzen im Festsaal des Berliner Abgeordnetenhauses bockig auf ihren Podiumsstühlen. Von wegen Enthusiasmus für eine Kunsthalle. Ihren Kehlen will auch kein Fitzelchen Jubel über so viel außerparlamentarisches Engagement entweichen. Missstimmung allerseits. Wer ist hier eigentlich naiv, wer Banause? Die Bürger oder die Politiker?

Ach, Kunsthalle! Eigentlich sollte es vor großem Publikum das endgültige Fanal werden – nach zwei Jahren Temporärer Kunsthalle und endloser Debatte, ob die Stadt eine solche Einrichtung auf Dauer braucht. Für die Stiftung Zukunft Berlin, die das Provisorium am Schlossplatz dank des Mäzens Dieter Rosenkranz finanzierte, ging es ohnehin nur noch um das Wie. „Jetzt wollen wir hören“, sagt Peter Raue, „ob die politischen Verantwortlichen den Weg mitgehen.“ Ansonsten wende man sich anderem zu. Ein langer Weg zum kurzen Abschied? Auch Klaus Wowereit als prominentester Promoter für sein Prestigeobjekt als Regierender Kulturmeister rudert bereits zurück.

Da bleibt auch den kulturpolitischen Sprechern nur noch, den Offenbarungseid zu leisten, ein jeder nach seiner Couleur: Ohne Moos nix los! Schon bitter, wie banal hier ein Berliner Projekt zu Bruch geht, zu dem bereits den Künstlern der Stadt kein Enthusiasmus zu entlocken war. Die FDP erklärt ihr „Nein“ mit Hinweis auf die Haushaltsschulden, die CDU will erst mal die Dächer der Dahlemer Museen reparieren, die Grünen sind verschnupft, dass ihre Idee mit der Blumengroßhalle als Standort ignoriert wurde, und die Linke verkämpft sich noch mal für das Bauhaus-Archiv, dem sie die Gelder zuschanzen will. Nur die SPD-Sprecherin hofft weiterhin tapfer, dass die „Leistungsschau junger Kunst“ im Sommer doch noch Schwung in die Sache bringt. Dafür bekommt sie gleich „Verschwendung!“ von den Grünen übergebraten. Ein Kulturausschuss im Kleinen, sehr Kleinen.

Volker Hassemers Stirn wird zunehmend zornesröter, Peter Raue rutscht resigniert immer tiefer in seinen Sitz. Klingt nicht gerade nach Welthauptstadt der Kunst, womit Berlin doch für sich wirbt. Die Stadt hat sich auch ohne Kunsthalle zu dem entwickelt, was sie heute ist, giftet der CDU-Sprecher. Nächstes Mal will man über den Stellenwert der Kulturpolitik in Berlin diskutieren. Vermutlich nehmen die Bürger dann Trillerpfeifen mit. Nicola Kuhn

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