Anhalter Bahnhof : Die Faustregel

von
Anhalter Bahnhof

Mozart ist wieder mal spitze. Goethe auch. Und Shakespeare natürlich. Unangefochten beherrschen die heiligen drei Könige die am Mittwoch veröffentlichte Statistik des Deutschen Bühnenvereins für die Spielzeit 2011/12. Die meistgespielte Oper (und das erfolgreichste Stück überhaupt) ist „Die Zauberflöte“ (47 Inszenierungen), knapp dahinter stehen „Faust“ (44 Inszenierungen) und „Ein Sommernachtstraum“. Und weil der Barde (oder wer immer die Dramen unter seinem Namen verfasst hat) auch noch mit „Romeo und Julia“, „Hamlet“ und „Was ihr wollt“ in den Top Ten rangiert, ist William der absolute King. Der Berliner Dramatiker Lutz Hübner kommt auf Platz sechs, vor Schiller, Ibsen, Tschechow – Glückwunsch!

Die deutschen Theater haben in der vorvorigen Saison (die Auswertung dauert immer recht lang) 92 000 Vorstellungen gespielt und waren stets gut besucht, wenn es Klassiker gab. Allein in Berlin zaubern drei Flöten. In der Staatsoper wird August Everdings uralte, putzige Inszenierung in den klassizistischen Schinkel-Bühnenbildern gespielt. Die Deutsche Oper hat mit Günter Krämers Deutung sauberes Regietheater zu bieten. Und die Komische Oper feiert mit ihrer stummfilmisch animierten „Zauberflöte“ des Intendanten Barrie Kosky und der britischen Theatertruppe „1927“ Riesenerfolge.

Das spricht für die Repertoirepflege – und die Raffinesse der Klassiker. Mozart und sein Librettist und Theaterdirektor Emanuel Schikaneder waren praktische Genies. „Die Zauberflöte“ bringt Action, Liebe, Kolportage, ein Märchen, eine Maschinenkomödie, ein zusammengeklaubter Plot, für dessen Bauart und Logik das Wagner-Wort gilt: Nie sollst du mich befragen! Das Geheimnis des Erfolgs ist – sein Geheimnis. Feuerprobe, Wasserprobe, Riesenschlange: Schikaneder, der bei der Uraufführung 1791 in Wien den Papageno spielte, zog sämtliche Register. Meisterwerke sind immer auch Machwerke (nicht umgekehrt).

Ein Pudel macht puff und verwandelt sich in einen Teufel, ein alter Büchersack wird in der Hexenküche wieder jung, man fliegt wie Harry Potter durch die Lüfte. Auch Goethe ließ sich nicht lumpen. Etwas geschwätzig ist der „Faust“ ja, aber gebaut wie ein Blockbuster. Die großen Menschheitsfragen, verpackt in Fantasy und Zauberschau. Tragödie genannt, aber mit Happy-End.

Da kannste was lernen, wie Mackie Messer gern sagt. Brecht und „Die Dreigroschenoper“ liegen wie immer auch weit vorn in der Statistik. Es ist die gleiche Nummer: geklaute Story, sex and crime, unwahrscheinlicher Ausgang. Così fan tutti. Rüdiger Schaper

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