Anhalter Bahnhof : Die Göttin von Aleppo

von

Zum Niederknien! Groß und mächtig steht sie da, beseelt von jenem archaischen Lächeln, das aus der Tiefe der Zeit entspringt. Sie ist aus dunklem Stein geformt, weiß blitzen die Augen. Güte und Grausamkeit liegen in ihrem Ausdruck dicht beieinander.

Einst, vor dreitausend Jahren, bewachte sie den Eingang zu einer zyklopischen Tempelpalastanlage im Nordosten Syriens. Heute ist sie die unangefochtene Regentin im Nationalmuseum von Aleppo, einem der ältesten Zivilisationspunkte der Welt. Muslimische Heerscharen, Kreuzritter, osmanische Eroberer und europäische Kolonialmächte tobten sich hier auf einem Boden aus, der schon gesättigt war mit Geschichte und Kultur. Aleppo, vom Tourismus kaum berührt, ist eine fantastische Stadt, doch die Göttin hat sich verabschiedet. Wer sie jetzt dort im Museum besuchen will, wird von einer Kopie begrüßt – und einem Hinweisschild: Die Göttin ist auf Reisen. Derzeitiger Aufenthaltsort: Berlin.

Mit dem Ausflug der geheimnisvollen Statue verbindet sich eines der aufregendsten Abenteuer der Altertumsforschung. Max von Oppenheim, deutscher Archäologe und Agent, grub vor hundert Jahren die Göttin von Aleppo und unzählige weitere Schätze aus. Ein Teil der Artefakte ging damals nach Berlin und wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, der andere Teil blieb in Syrien.

Nächste Woche eröffnet auf der Museumsinsel nun die lange erwartete Tell-Halaf-Ausstellung; eine Weltsensation. Die Staatlichen Museen haben in einmaliger Detektiv- und Puzzlearbeit die im Bombenhagel pulverisierten archaischen Werke neu erschaffen. Phönix aus Schutt und Asche.

Ein Jahrhundert nach der Entdeckung – und der Trennung – ist die Göttin von Aleppo Ehrengast der Schau im Pergamonmuseum, wieder vereint mit ihren steinernen Gefährten und Gefährtinnen. Die Syrer verstehen die Leihgabe als Geste der Freundschaft, und sie werden eine verjüngte Göttin wiederbekommen. Die dunkle Dame von Tell Halaf ist hier einer liebevollen Kur unterzogen worden. An Schulter, Hals und in der Krone hat man kleinere Wunden geschlossen, die Nase wurde gerichtet. Und sie kehrt auf neuen Füßen in ihre Heimat zurück, aus der wir auch etwas Schönes mitgebracht haben: die berühmte Aleppo-Seife. Und Orientsehnsucht. Rüdiger Schaper

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben