Anhalter Bahnhof : Ein Nebenhauptdarsteller für Hollywood

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Wow! Gleich über drei Oscar- Nominierungen dürfen wir uns freuen – und dabei gehen Michael Hanekes stiller Thriller „Das weiße Band“ und der fabelhafte Christoph Waltz aus Quentin Tarantinos Meisterwerk „Inglourious Basterds“ sogar als Favoriten ins große Finale. Das versetzt die deutsche Film- und Schauspielwelt in doppelte Jubiläumsjubelstimmung, eine Woche vor Beginn der 60. Filmfestspiele in Berlin.

Michael Haneke und Christoph Waltz sind zwar Österreicher. Aber „Das weiße Band“ wird von deutschen Akteuren und Berliner Produzenten getragen, und Christoph Waltz, der früher im Fernsehen schon Roy Black oder den Oetker-Entführer gespielt hat, geht auch als halbwegs deutscher Künstler durch. Wie Udo Jürgens. Oder einst Romy. Außerdem gelten Österreich und Deutschland im Kino und Theater ohnehin als gemeinsamer Kulturraum. Auch die Schweiz gehört hier eigentlich dazu. Doch darauf sollten wir im Moment vielleicht nicht so beharren.

Nein, der wahre Wermutstropfen bei den Oscars ist jetzt ein anderer. Der Kandidat Christoph Waltz ist nämlich eine grandiose Fehlbesetzung! Haben sie ihn doch, wie jüngst schon bei den Golden Globes, in der Kategorie „Bester männlicher Nebendarsteller“ nominiert. Dabei ist Waltz in Tarantinos „Basterds“ sowas von Hauptdarsteller, haupter geht’s kaum mehr. Brad Pitt war die große Nebenrolle. Das hatten sie bereits beim Festival in Cannes bemerkt, wo Waltz den Preis als bester Protagonist bekam. Und das US-Branchenmagazin „Variety“ schrieb über ihn: „Er reißt den Film an sich.“

Aber Waltz spielt einen dämonischen SS-Offizier und erklärten „Judenjäger“. Mit aasigem Charme, ganz grausig-komisch. Das provoziert Hollywoods moralische Korrektheit, wobei man freilich Rolle und Realität verwechselt. So, als dürfte Shakespeares Richard III., ein diabolischer Massenmörder, auch kein absolut gefeierter Schauspielheros sein. Goethe hatte derlei wohl schon geahnt. Er versteckte seine beste Rolle, den Mephisto, hinter einem viel langweiligeren Titelhelden namens Faust. Und Christoph Waltz kann sich allemal freuen: als Nebenhauptdarsteller hat er in diesem Fall die weit besseren Chancen. Peter von Becker

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