Anhalter Bahnhof : Elektropartys in Guben

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London, heißt es ja immer, zeigt uns, dass das gar nicht so schlimm ist: die steigenden Mieten, die sterbenden Clubs, der Zyklus der Gentrifizierung. In London, so heißt es, kann man sehen, wie das alles sehr gut funktioniert – als niemals endende Bewegung in sich weitenden Kreisen. Die Künstler und Clubbetreiber kommen in ein Viertel, die Studenten kommen nach, beide bleiben, bis die Besserverdiener kommen oder sie selbst zu solchen werden. Der Lärm nimmt ab, die Kinderwagendichte zu – so geht das Viertel für Viertel, Stadtteil für Stadtteil, und es gibt sogar welche, die sagen, dass es der Stadt gut tut. Weil es Peripherie urbanisiert, Gesichtslosem ein Gesicht gibt und bürgerliches Kulturgewese mit dem Flair von Arbeitervororten vermengt.

Nun ist Berlin bekanntlich nicht London – sondern viel kleiner. Knapp 1600 Quadratkilometern „Greater London“ stehen knappe 900 Quadratkilometer Berlin gegenüber. Langfristig hat die Szene hier also viel weniger Platz, sich zu verlagern. Zumal Berlin nicht von einer noch viel größeren „Metropolitan Area“ umschlossen wird, sondern – die Szenegänger kennen diesen Begriff bisher nur von Ferne oder aus einem Rainald-Grebe-Lied – von Brandenburg.

Man kann an diesen geografischen Gegebenheiten verzweifeln. Man kann aber auch – und das ist das Mindeste, was man von einer angeblich kreativen Szene erwarten darf – kreativ sein. Wenn die wilden Orte in der Stadt domestiziert sind, müssen die wilden Menschen eben nach wilden Orten in der Wildnis suchen. Die Peripherie ist das neue Zentrum. Prenzlau statt Prenzlauer Berg! Schon schiebt sich die Partykarawane die Köpenicker Chaussee und die Rummelsburger Landstraße hinunter. Irgendwann wird sie dann angekommen sein in Zossen, Oranienburg oder Bernau. Natürlich nur, wenn – und jetzt kommen die Piraten ins Spiel – ein kostenloser ÖPNV für die gesamte Metropolregion (jawohl!) Berlin-Brandenburg vereinbart wurde. Spätestens dann gibt es kein Halten mehr: Beach-Partys im Spreewald, Elektro in pittoresk verwitterten Gubener Lagerhallen. Der „Club Transmediale“ und ähnliche Festivals an der Schnittstelle von Szene und Kultur ziehen nach Frankfurt/Oder, das damit auch außerhalb von Kleist-Jahren nicht in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Berlin indes atmet befreit auf und darf fortan so leer und leise sein wie Londons Innenstadtbezirke. Bis irgendwann, von den westlichen Randbezirken her, eine neue Schallwelle die Stadt erreicht. Die Londoner Szene, in 90 Jahren ist sie hier. Johannes Schneider

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