Anhalter Bahnhof : Endstation Volksbühne

Rüdiger Schaper

Welch ein poetischer Widerspruch in Zeiten allumfassender Beschleunigung: Anhalter Bahnhof. Und das in einer Stadt, die von jeher so viel auf ihr Tempo hält. Über den Anhalter fuhr man nach Halle und Leipzig, Wien, Rom und Athen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es sogar eine Direktverbindung Berlin–Neapel.

Vom Anhalter an die Amalfiküste – welch ein sanfter Traum, wenn man morgens aus der S-Bahn in die Redaktion kommt. Seit fünfzig Jahren steht nur noch der Portikus des Kopfbahnhofs, jene romantische Ruine, die an Bilder von Caspar David Friedrich erinnert.

Für unsere neue Kulturglosse am Donnerstag, die hier Premiere hat, liegt der schöne nachbarschaftliche Name nahe. Anhalter Bahnhof. Denn das gehört zusammen: Ruinen und Kultur. Kultur und Berlin. David Chipperfield hat es im Neuen Museum aufs Prächtigste gezeigt. Kultur ist das Bewahrende, aber selbst auch Zerfallsprodukt. Im Drama angehaltene Zeit. Kultur ist Aufbruch und Abbruch.

Niemand weiß das besser als Frank Castorf, der Intendant der Volksbühne. Heute Abend wird das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz nach langer Renovierungspause wiedereröffnet. Auferstanden aus … nein, nicht schon wieder. ZK und Politbüro, sie ruhen sanft! Allerdings steckt in jedem Intendanten ein Diktator. Peter Stein soll einer der schlimmsten gewesen sein. Was die Schaubühne in den achtziger Jahren erlebte, macht nun die Volksbühne durch. Ensembles fallen auseinander, Regisseure ermüden, Legenden entstehen. Castorf ist seit sagenhaften sechzehn Jahren Theaterhäuptling. Er fühlt sich wie in einem Reservat. In Interviews sagt er jetzt, er habe Fehler gemacht. Sie werden ihm später im Theaterhimmel verziehen werden. Castorf und Co. waren Helden. Sie haben der Hauptstadt gezeigt, wo der Hammer hängt, manchmal auch die Sichel. Die Volksbühne war ein Kraftwerk, das sich aus dem ideologischen Restmüll der europäischen Geschichte speiste. Kann sie nachlegen?

An diesem Donnerstag also läuft der Zerstörer noch mal aus, mit Friedrich von Gagerns „Ozean“. Das unbekannte Stück spielt im 19. Jahrhundert. Gescheiterte deutsche Revolutionäre suchen da ihr Heil in Amerika. Obama, Opel, Endstation Sehnsucht. Rüdiger Schaper

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar