Anhalter Bahnhof : Festspiele des Alltags

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Von wegen Winterschlaf! Mit einem Crashkurs stürmen die Bühnen ins neue Jahr. Das Thema ist, im weiteren Sinn: Wirklichkeit. Reale Welt. All die Dinge, die wir nicht verstehen, die uns Angst machen, die man sich gar nicht ausdenken kann in all ihrem Horror. Denn sie sind immer schon da, und sie gehen auch nicht mehr weg. Alltagsfestspiele!

Einfach mal der Reihe nach, wenn sonst schon nichts einfach ist. Einfacher war früher vielleicht das Wegsehen, nun aber leben wir in einer permanenten Debatten-Krisen-Konflikt-Gegenwart des Unmittelbaren. Hans-Werner Kroesinger, ein erfahrener Dokumentarist, kümmert sich in der ersten Folge seiner Serie „Failed States“ im Hebbel am Ufer um Somalia. An weiteren Kandidaten wird es nicht fehlen. Andres Veiel, auch er erprobt in Recherchen, taucht am Deutschen Theater in die Sphäre der deutschen Banken ein. Sein Stück „Das Himbeerreich“, in dem Ulrich Matthes und Joachim Bißmeier mitspielen, entstand auf der Grundlage von Interviews, die der Regisseur mit leitenden Bankern geführt hat. Fritz Kater alias Armin Petras wiederum, stückeschreibender Intendant des Maxim-Gorki-Theaters, bringt „Demenz Depression und Revolution“ auf die Bühne, wörtlich und gleichfalls aus Zeugnissen Betroffener schöpfend.

Und an der Schaubühne kommt Wolfgang Borcherts selten gespieltes Kriegsheimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ zu einer Wiederaufführung, nicht ohne authentisches historisches Material aus Kriegsgefangenenlagern. Wer traut noch Dichtern, toten zumal? Lebende Dichter gibt es sowieso nicht mehr. An ihre Stelle sind Verdichter getreten, Datenverdichter, Doku-Poeten. Der Befund ist nicht ganz neu, doch in diesen Wochen drängt er sich wieder mächtig auf: Wir alle sind Betroffene, wir sind betroffen, immerzu. Und viel zu sehr mit dem Betroffen- oder Interessiertsein beschäftigt, um zu empfinden, wozu das Theater einmal erfunden wurde. Nennen wir es Empathie, das muss genügen, sonst wird es zu kompliziert.

Banken können wir vielleicht retten, das Klima nicht. Da setzt das Haus der Kulturen der Welt mit seinem „Anthropozän“-Projekt an. Zwei Jahre sind veranschlagt, nächste Woche heben sie ab. Wissenschaftler, Architekten, Philosophen, Künstler, Journalisten suchen eine neue Formel, um das Verhältnis Mensch/Natur zu klären. These: Die Menschheit tritt spät in der Erdgeschichte auf, krempelt aber alles um. So etwa. Wunderbar: Wir verlassen die faktisch-dokumentarische Ebene und dürfen endlich wieder spinnen, fantasieren, träumen. Rüdiger Schaper

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