Anhalter Bahnhof : Hier singt Marius Müller-Westerwelle

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Plakate an einer Hauswand in Kreuzberg. Konzertankündigungen, CD-Werbung. „Wir haben die Schnauze voll“ ruft es in roten Großbuchstaben von schwarzem Grund. Herrje, denkt der Fußgänger, haben sich jetzt hier die Faschos eingeschlichen? „Schnauze voll“ – mit dem Slogan ging die NPD 2004 auf Stimmenfang bei den diffus Frustrierten. Irgendwas stört schließlich jeden. Auch die von der Partei vertriebene „Schulhof-CD“, die sächsische Jugendliche für hirnamputierten Rechtsrock begeistern sollte, trug diesen Titel.

Keine schönen Assoziationen. Auch wenn das Plakat bei näherer Betrachtung nicht von den Neonazis, sondern von Marius Müller-Westernhagen kommt. Der Rockprolet, Künstlerfürst und Bundesverdienstkreuzträger hat den populistischen Pöbel-Slang gekapert: „Wir haben die Schnauze voll“, tönt es in der neuen Single des 61-jährigen Sängers, einem stoisch runtergegrölten Blues, „von Medienpolitik / von euren schmutzigen Tricks“.

Der Rest ist hanebüchen, doch im Refrain klingt Marius nach Müller-Westerwelle. In menschlich. „Gelegentlich müssen wir unser eigenes Lied singen“, sagte der FDP-Vizekanzler, als er für seine mit dem Koalitionspartner nicht abgestimmten Ausfälligkeiten gegen Hartz-IV-Empfänger kritisiert wurde. Und: Er spreche lediglich aus, was die schweigende Mehrheit der Deutschen denke. Jetzt singt Westernhagen mehrheitsfähig zurück. Die Leute lässt er mitsingen. Der Videoclip zum Lied ist aus Fanbeiträgen zusammengeschnipselt. Irgendwas stört schließlich jeden: Arbeitsstress, Hundekacke, „höhere Prämien und weniger Leistung“. Ein armer Mensch wird vieldeutig an einer Kette hin und her gezerrt, ein anderer trägt eine Papiertüte mit der Aufschrift „Opfer“ auf dem Kopf. Ein dritter hält, wie einst Bob Dylan, Zettel in die Kamera: „Gleichgültigkeit“, „kein Gewissen“, „Ignoranz“, „korrupt“, „herzlos“. Hallo, Herr Außenminister.

So spricht Westernhagen mit Volkes lauter Stimme. Ein bewährter Trick aus dem Politikgeschäft. Und sicher gut fürs Marketing. MMW muss ja jetzt seine eigene Plattenfirma über Wasser halten, sein Vertrag mit Warner endete 2006. Die Verkäufe waren schwach, die Branche in der Krise. Da hieß es auch bei den Bossen: Nase voll. Jan Oberländer

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