Anhalter Bahnhof : Hut am Horizont

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Angefangen hat alles mit „Mamma mia“. Da waren die Abba-Fans dann doch verblüfft, dass es in dem Musical gar nicht um die Biografie der Band ging. Sondern um einen Teenie, der unbedingt herausfinden will, wer von den zahlreichen Sexualpartnern ihrer Hippie-Mutter denn nur ihr Erzeuger war. Das Ganze spielt auf einer griechischen Insel, und immer, wenn man es am wenigsten erwartet, platzt ein Abba-Song in die Handlung – dessen Originaltext für Situationskomik sorgt. Die Show wurde ein Welterfolg und zum Vorbild für „Ich war noch niemals in New York“ (mit Hits von Udo Jürgens) und „We Will Rock You“ (mit Klassikern von Queen).

Auch „Hinterm Horizont“, die Produktion des Unterhaltungskonzerns Stage Entertainment, die am 13. Januar im Theater am Potsdamer Platz uraufgeführt wird, funktioniert nach diesem Strickmuster: Die Musik zu der Ost-West-Liebesgeschichte stammt aus dem Archiv von Panikrocker Udo Lindenberg. „Sonderzug nach Pankow“, das bekommt in diesen schienenersatzverkehrten Wintertagen eine ganz eigene Bedeutung.

Die Best-of-Musicals lösten die Mode ab, berühmte Filme auf die Bühne zu verfrachten wie bei „Dirty Dancing“ oder dem „Schuh des Manitu“. Schließlich gehört mehr Grips dazu, alte Hits in eine möglichst abgefahrene Handlung einzubetten, als einfach nur Kinoklassiker mit mikrofonverkabelten Live-Darstellern nachzuspielen.

So richtig originell ist die Idee allerdings auch wieder nicht: Bereits Georg Friedrich Händel hat ganz ohne Panik Bruchstücke früher komponierter Werke in neuen Libretti zweitverwertet. Das war vor 280 Jahren, die Barocker nannten das Pasticcio oder auch Flickoper.

Ihren zweiten Boom erlebte die Recycling-Technik in der Operette: Nach Johann Strauß’ Tod stellte ein gewisser Adolf Müller junior aus Evergreens des Walzerkönigs das Metropolical „Wiener Blut“ zusammen. Heinrich Berthé verwurstete 1916 sogar Kompositionen Franz Schuberts für die Schmonzette „Das Dreimäderlhaus“.

Und jetzt unser Udo. Die Bühne, so viel ist bekannt, wird ein gigantischer Lindenberg-Hut dominieren. Das passt zu den Songtexten, die dem Kopf entsprangen, der sich seit Jahrzehnten unter diesem Hut verbirgt. „Lola hat Geburtstag / und man trinkt darauf / dass sie mal so alt wird / wie sie jetzt schon aussieht“. Das ist aus „Andrea Doria“. Ein ganz alter Hut, aus der Onkel- Pö-Zeit. Lindenbergs Frische-Geheimnis: Der Hutbürger macht niemals schlapp. Frederik Hanssen

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