Anhalter Bahnhof : Käpt’n Flimm und das Meer

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Wenn Sie einen Sehnsuchtsmoment mit einem halbwegs sympathischen Menschen teilen wollen, dann rufen Sie ihm durch den Spätsommerregen zu: „Diese Stadt müsste am Meer liegen!“ Dort, wohin alle Flüsse strömen. Dort, wo die großen Schiffe ablegen, die die Ozeane bereisen: verabschiedet mit Musik, bis sich ihre Bugwelle am Horizont verliert. Und wenn sie wieder zurückkommen in den Hafen, sind sie beladen mit Erinnerungen und träumen am Kai von Unerhörtem.

Das Festland verlassen, Eintauchen in den Strom der Musik, in einem Meer von Sehnsuchtsklängen – danach drängt es auch die in dieser Woche startende Berliner Klassiksaison. Dafür kann sogar die Spree taugen, wie die Staatsoper beweisen will. Unter den Linden hatte sie bislang mit Wasser nur als Gefahr für die morschen Fundamente zu kämpfen. Jetzt beschließt sie ihren Umzug ins Schillertheater mit einer Bootspartie. Eine Armada von vier Fahrgastschiffen unter Kommando von Admiral Barenboim und Käpt’n Flimm erobert den Westen der Opernstadt von der Wasserseite her. Die Staatskapelle feuert dazu eine volle musikalische Breitseite ab. Und wenn sie dann in Charlottenburg an Land gehen und von Kirsten Harms samt einem Kinderchor wie von Eingeborenen begrüßt werden, ist es fast so, als würde Amerika noch einmal entdeckt.

Harms weiß, was es heißt, sich die Flut ins Haus zu holen. Wenn die Deutsche Oper Debussys „Pelléas und Mélisande“ jetzt wieder auf den Spielplan nimmt, steht der Bühnenraum komplett unter Wasser. Ein Pfuhl gestockter Sehnsucht, die niemals das Meer erreichen wird, darin dümpelt ein weißer Kahn. Sänger können sich in diesem feuchten Arbeitsumfeld schnell eine Erkältung einfangen. Hoffentlich kommt Donald Runnicles, der neue Generalmusikdirektor, bei seinem Einstand angesichts des nassen Abgrunds nicht ins Schwimmen.

Versinken, ertrinken, den Bach runtergehen: Die Gefahren im Umgang mit dem Wasser werden leicht unterschätzt. Dabei ist es das Wasser, das diese Welt beherrscht. Es schenkt alles und reißt alles mit sich. Wir suchen seine Nähe und haben manchmal zu nah am Wasser gebaut – vor allem, wenn Musik über den Ozean weht und an unsere Sehnsucht rührt. Pierre Boulez und Luciano Berio haben die Klänge ferner Kulturen in ihre Musik aufgenommen. Diesen beiden großen Reisenden der modernen Musik ist das Musikfest in der Philharmonie gewidmet. „Wann fahren wir aus nach dem Glück?“, fragt Baudelaire. Das Musikfest beginnt heute. Leinen los! Ulrich Amling

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