Anhalter Bahnhof : Künstler ballaballa

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Diese Beziehung beruht auf Einseitigkeit. Es ist die klassische emotionale Einbahnstraße. Künstler lieben Fußball, sehr, sehr viele Künstler, aus allen nur denkbaren Sparten der Hochkultur. Und es sind nicht nur die lautstarken unter ihnen. Selbst ein so feinsinniger, durch und durch vergeistigter Herr wie der Dirigent Claudio Abbado frönt der ledrigen Leidenschaft, ist bekennender tifoso, also aktiver Fan. Thomas Brussig („Helden wie wir“) hat 2005 gar die „Autonama“ gegründet, die Autorennationalmannschaft, in der Romanciers, Versetüftler und Dramatiker selber kicken – gegen schreibende Kollegen aus aller Herrn Länder.

Hat man je von einer Truppe befreundeter Mittelfeldspieler gehört, die sich zwecks literarischer Produktion in ein Trainingslager zurückgezogen hätte? Von Knipsern, die Staatstheater und Konzertsäle stürmen? Von Torhütern, die Skulpturen sammeln statt Trophäen? Natürlich nicht. Erwartet aber auch keiner. Umso intensiver bereitet sich die hauptstädtische Kulturszene derzeit auf die Fußball-Europameisterschaft vor. Nicht jeder ist da so radikal wie der Charlottenburger Jazzclub A-Trane: Geschlossen vom 9. Juni bis 1. Juli, ist auf der Website zu lesen. „Der Grund: die EM“, schreiben die Clubbetreiber. „Wir bitten Euch um Verständnis, da wir gering besuchte Konzerte vermeiden wollen.“

Offenbar schließen die Künstler gerne von sich auf andere. Wie auch Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters. Im Juni präsentiert er zwar sein großes Herzensprojekt, die Berliner Autorentheatertage, aber bei der Ausarbeitung des Festival-Stundenplans wurden auf Wunsch des Chefs von Anfang an die EM-Anpfiffzeiten berücksichtigt. Ein netter Zug: Sollten unter den gezeigten Stücken die knäckebrottrockenen, postdramatischen Trauerspiele dominieren, können die Besucher wenigstens beim anschließenden public viewing in der DT-Bar die Emotionen kollektiv hochkochen lassen.

Mit dem Gefühlshaushalt haben Klassikhörer kein Problem. So ist es eher als Service-Geste zu verstehen, wenn das Deutsche Symphonie-Orchester den Beginn seines „Casual Concerts“ am 13. Juni um eine Stunde vorverlegt. Zunächst dirigiert Sir Roger Norrington ab 19.30 Uhr – wie passend! – Beethovens „Eroica“, dann können Musiker wie Zuhörer ins Foyer der Philharmonie wechseln, um auf einer eigens installierten Großbildleinwand mitzuverfolgen, wie heroisch sich Jogis Jungs gegen die Niederlande schlagen. Ehrensache, dass die beiden Nationalhymnen live von den Blechbläsern des DSO dargeboten werden! Frederik Hanssen

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