Anhalter Bahnhof : Kunst kommt von Klonen

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Gedanken sind frei, aber Bücher und Filme bringen Geld, viel Geld. Uraltes Dilemma der Kunst, die Höheres will und am Ende mit Verkaufszahlen prunkt. Auch die größten Klassiker sind vor solchen Anfechtungen nicht gefeit. Zum Beispiel Leo Tolstoi, in Michael Hoffmans Film „Ein russischer Sommer“: Er wolle die Rechte an seinen Werken dem russischen Volk vermachen, erklärt da der greise Tolstoi in einem Anfall von Nächstenliebe. Seine Frau protestiert. Es geht immerhin um Millionen.

Der Urheberrechtskonflikt steht im Zentrum dieses Films, der in zwei Wochen bei uns anläuft und als aussichtsreicher Oscar-Kandidat gilt. Ein noch lukrativeres Filmkunstwerk hat jetzt selbst Probleme mit dem Copyright. James Cameron steuert mit seiner 3D-ScienceFiction-Fabel „Avatar“ auf den erfolgreichsten Film aller Zeiten zu – womit er seinen eigenen „Titanic“-Triumph übertreffen würde. Der Gegenwind kommt aus dem Osten: Die „Partei der Kommunisten“ in St. Petersburg wirft Cameron vor, wesentliche Teile seines Films dem Roman „Die Unruhe“ von Boris Strugatzki entnommen zu haben, die Spätkommunisten fordern sogar die Verhaftung des US-Regisseurs.

Wo Bestseller sprießen und Millionenströme sprudeln, ist der Plagiatsvorwurf selten weit. Er traf die Harry-Potter-Mutter J.K. Rowling ebenso wie die Krimiautorin Andrea Maria Schenkel („Tannöd“). „Twilight“-Erfinderin Stephenie Meyer, Dan Brown („Da Vinci Code“) und Uwe Tellkamp („Der Turm“) sahen sich mit der Anschuldigung konfrontiert, sie hätten fremdes geistiges Eigentum ausgebeutet.

Da kann man nur sagen: così fan tutti. Sie machen es alle. Fantasie und Langfingerei liegen dicht beieinander. Kunst ohne Klauen gab es nie, und was ist Klonen anderes, als sich bei der Natur zu bedienen und die Schöpfung zu imitieren?

In Camerons Film wie in Strugatzkis Buch geht es um einen Wissenschaftler, der auf dem Planeten Pandora mit Eingeborenen lebt. Dazu wird in „Avatar“ geklont, was das Zeug hält. Und immer führt die Reise in andere Welten zur Begegnung mit der eigenen Sehnsucht – mit sich selbst. Die Klone wird man nicht mehr los. Ehrliche Kunst? Der Zug ist abgefahren, besser: Dies Raumschiff hat abgehoben. Christina Tilmann

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