Anhalter Bahnhof : Lachen über Pop

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Das Problem kennt jeder Mensch, der zu erklären versucht, warum Bob Dylan und Neil Young eigentlich nur Musik für Männer machen oder was das Besondere an bestimmter Popmusik ist: Auf einmal fehlen die Worte, wiederholen sich Standardformulierungen wie „finde ich einfach gut“, „wirklich groß“, „kann ich unmöglich hören“. Reden über Pop, Popmusik und Popkultur ist eine Kunst für sich; eine Profession gar. Und wie das Stadtmagazin „Zitty“ jüngst in einer Geschichte über „Das große Quatschen“ herausgefunden hat, wird dieser Profession gerade in Berlin emsig und vor allem öffentlich nachgegangen, sei es im „Soundcheck“ von Radio Eins und Tagesspiegel, im HAU beim „Plattenspieler“ oder im Roten Salon der Volksbühne in der Reihe „Livekritik und Dosenmusik“.

Dabei ist nicht nur die Zielgruppe eine eher ältliche, Menschen ab 40 aufwärts, sondern auch die allermeisten Popdiskutanten gehören dieser Generation an. Sie sind mit Pop nicht nur groß geworden, sondern haben ihn ernst und als Blaupause für ihre Lebensentwürfe genommen. Man muss da bald wohl von der Rollingstonisierung der Popkritik sprechen. Amüsant und unterhaltsam kann es trotzdem sein, zumal wenn jemand von außen in so eine Runde kommt, so wie am Dienstag im Roten Salon der Maler Daniel Richter. An diesem Abend war plötzlich alles anders. Mit Tobi Müller, Jens Balzer und Sebastian Zabel saßen drei eloquente Popkritiker auf der Bühne, aber nur einer redete: Daniel Richter. Und sein erst etwas nerviger, später immer sympathischer und lustiger werdender Auftritt machte deutlich, dass Berlin zwar inzwischen die Popdiskurshauptstadt sein mag, aber nicht die Pophauptstadt. Und dass Hamburg, wo Richter sozialisiert wurde, nicht umsonst in den neunziger Jahren ein Popsehnsuchtsort gerade für Berliner war. Um es mit den Lassie Singers zu sagen: „Du altes Hamburg, unsere Schatzstadt, du sexy Hamburg“.

Der Neu-Berliner Richter beklagte den ewig „guttural, romantischen“ Singsang der Hauptstadt, und die eingespielte Musik von Tocotronic (Neuberliner, ehemals Hamburg) über Blixa Bargeld (Berliner Urgestein) und Soap & Skin (aus Wien, vor allem hier geliebt) bis hin zur Kollaboration des Berliner Regalbauers Rafael Horzon mit der Exilkanadierin Peaches gaben ihm Recht. Finster, das alles. Vielleicht braucht Berlin noch mehr Zugänge aus Hamburg, noch mehr verqueres Daniel-Richtertum. Die drei Herren von der Popkritikfraktion ließen den Maler dann auch gewähren, möglicherweise in dem Bewusstsein: Der neue Trend ist die Popdiskurscomedy. Gerrit Bartels

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