Anhalter Bahnhof : Lauter Könige

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Hurra, jetzt geht’s endlich wieder los: Am gestrigen Mittwoch wurden die Bregenzer Festspiele eröffnet, am Sonntag startet Bayreuth mit einem neuen „Lohengrin“ (siehe S. 29), am Montag gibt Daniel Barenboim dann mit den Wiener Philharmonikern den Startschuss in Salzburg. Was die Skifahrer im Winter feiern – die fünfte Jahreszeit – findet für die Klassikfans im Sommer statt. Mögen sich die Stadttheater die ganze Saison lang noch so mühen, die Massen mit spektakulären Abenden zu versorgen – „das Festliche und Feiertägliche“, das jeder Aufführung innewohnt, wird erst durchs Festival so richtig erfahrbar. So haben es sich Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt vor 90 Jahren bei der Gründung der Salzburger Festspiele erträumt. Weil hier der Alltag ausgeschaltet ist, weil der Besuch der Darbietung nicht den Abschluss eines langen Tages bildet, sondern zum Urlaubs-Highlight wird, dem man entgegenfiebert. In der Kulturszene sind und bleiben Festspiele darum die Königsklasse.

Wer aber darf hier den Herrscher geben? Die Intendanten etwa? Jürgen Flimm, noch Chef der Salzburger Festspiele und ab Herbst Barenboims Sparringspartner Unter den Linden, präsentiert sich auf aktuellen Fotos zwar immer als Patriarch in Mir-kann-keiner- Pose, jammert in Interviews aber stets darüber, wie sehr ahnungslose Politiker seine Kreativität durch kleinliches Herumnörgeln und dogmatisches Pochen auf das Einnahmesoll einschränken. Festivals, so lautet deren Devise, prunken mit Stars oder sie sind keine.

Haben also die Künstler das Sagen? Mit ihren großen Namen locken sie Leute an, die bereit sind, in Salzburg 370 Euro, in Bregenz 288 Euro oder in Bayreuth 280 Euro für Spitzenplätze zu zahlen. Sie singen in höchsten Tönen und werden in ebensolchen gelobt, sie verbreiten Glanz, indem sich Normalsterbliche gerne sonnen.

Doch was nützt dem Künstler seine Kunst ohne jene, die ihm applaudieren, die ihn mit Ovationen oder mit Buh- Chören überziehen? Das Publikum also – da haben wir’s! – ist der wahre Regent bei allen Festspielen. Der Kunde ist König. Für Kunden allerdings gilt, das weiß auch jeder Einzelhändler: Du kannst sie dir nicht aussuchen. Du musst nehmen was kommt.

Bei den „Hörkunsttagen“ im sächsischen Städtchen Kirschau hat es Marek Brandt jetzt allerdings geschafft, diese Regel einmal außer Kraft zu setzen: Die vom Künstler selbst rekrutierten Zuhörer befinden sich dabei in einem Staubhaufen, vor dem Lautsprecher aufstellt sind. Der Titel des Werks: „Musik für Milben“. Frederik Hanssen

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