Anhalter Bahnhof : Leipzig in Berlin

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Kreuzberg, das kann man leicht vergessen, war ursprünglich genau das: ein Berg, auf dem ein Kreuz steht. Der  Bezirk hat seinen Namen von dem Denkmal erhalten, das 1823 zur Erinnerung an die Befreiungskriege auf einem südlichen Hügel vor der Stadt Berlin vollendet wurde. Sechs Jahre lang war an dem von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Monument gearbeitet worden, das wie die Spitze eines gotischen Doms über dem Viktoriapark aufragt. Es sollte Preußens Gloria verkünden, in militärischer wie technischer Hinsicht. Für die Königliche Eisenhütte war die Herstellung der von einem Kreuz bekrönten, im Grundriss kreuzförmigen, komplett gusseisernen Großskulptur eine Pioniertat.

Herbstmelancholie weht durch den Park. Die Liegewiesen, auf denen sich noch vor ein paar Wochen Menschen sonnten, sind verlassen. Nasses Laub klebt auf den Wegen. Abseits steht eine Steinfigur im Gebüsch, die Heinrich von Kleist in grüblerischer Pose zeigt. Sie ist mit Silberfarbe übermalt. „Free Energy“ hat ein Scherzbold auf das Manuskript geschrieben, das der Dichter in der Hand hält. 59 Treppenstufen sind es bis zum Denkmal, das den Besucher mit einer Aufschrift in Goldbuchstaben empfängt: „Leipzig den 18. October 1813“.

Hunderttausend Soldaten starben in der Völkerschlacht von Leipzig, es war bis heute das blutigste Gemetzel auf deutschem Boden. Die Schlacht dauerte vier Tage und endete mit der Flucht Napoleons und seiner Truppen. Heute fühlt man sich auf dem Kreuzberg eher an einen eisernen Schmerz erinnert als an den historischen Triumph der Koalition von Preußen, Russen, Österreichern und Engländern. Denn in den 200 Jahren, die seit der Völkerschlacht vergangen sind, folgten weitere, größere Schrecken. Das Eiserne Kreuz, das Schinkel im Auftrag von König Friedrich Wilhelm III. gestaltet hatte, wurde noch den Soldaten der beiden Weltkriege als Orden an die Brust geheftet.

„Der Koenig dem Volke / das auf seinen Ruf hochherzig / Gut und Blut dem Vater / lande darbrachte den Gefal / lenen zum Gedechtniß den / Lebenden zur Anerken / nung den künftigen Geschlech / tern zur Nacheiferung“, steht in ungelenkem gusseisernen Zeilenfall auf dem Denkmal. Das Pathos, das in der Widmung mitschwingt, wirkt fremd und fern. „Künftige Geschlechter“, sind wir damit gemeint? Und worin könnten wir den Vorfahren hochherzig nacheifern? Es ist herrlich, im Hier und Jetzt zu leben, in einem Land, in dem Frieden herrscht. Christian Schröder

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