Anhalter Bahnhof : Literatur in die Kieze!

von
Anhalter Bahnhof

Poet’s Corner: Am 8. Juni schwärmen rund 40 Berliner Dichter und Dichterinnen in die Bezirke aus und lesen im Rahmen des Poesiefestivals ihre Texte. Zwischen Spandau und Lichtenberg bleiben nur wenige Stadtteile verschont.

Literaturtage Prenzlauer Berg: Vom 26. Mai bis zum 14. Juni bespielt der Georg-Büchner-Buchladen am Kollwitzplatz neben den eigenen Räumen den Soda-Club und die Bibliothek am Wasserturm mit prominent besetzten Veranstaltungen – von Andrej Longo über Eva Menasse bis zu Hanns Zischler.

24 Stunden Buch: Vom 31. Mai auf den 1. Juni lädt der Berliner Börsenverein zu einem Rund-um-die-Uhr-Marathon mit mehr als 50 über die Stadt verstreuten Events. Die Härtesten unter den Harten können ihr Durchhaltevermögen mit Hilfe des kontinuierlichen Bustransfers steigern, bevor sie um 5.30 Uhr in der Neuköllner Schankwirtschaft Laidak mit Jörg Sundermeiers „Literatur für Unausgeschlafene“ abstürzen und um acht ein Katerfrühstück bei Hugendubel in Steglitz einnehmen.

Oder die Lange Buchnacht in der Kreuzberger Oranienstraße am 8. Juni: Mit über 150 Veranstaltungen und einer Hölderlin, Schiller und Heine verknüpfenden Hauswandprojektion am Heinrichplatz, die eine Teilsperrung der Mariannenstraße erfordert, steht sie unter Rekordverdacht.

Was ist da los, außer dass unglaublich viel los ist? Steht die Kiezifizierung der Literaturhauptstadt vor dem endgültigen Durchbruch? Bewahrheitet sich die alte arabische Weisheit: Wenn der Prolet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Proleten kommen (Mohammed, 08,15)? Ist dies der Kollaps einer Szene, die sich nicht mehr auf Großereignisse verständigen kann? Oder handelt es sich um kulturelle Befriedungsakte in sozialen Spannungsgebieten?

In der Terminologie des Quartiersmanagements gibt es Prävention, mittlere und starke Intervention sowie Verstetigung. Wahrscheinlich ist sogar auf Kleinstradien bezogen von allem etwas dabei. Und das mit bundesweiten Impulsen: Bei einer Buchpremiere wie der von Ulrike Draesner, die am 29. Mai im Büchner-Buchladen auftritt, ist immer auch der Verlag mit im Spiel – in diesem Fall Luchterhand in München.

Für die enorme Fülle sorgt schon die sonstige Überfülle: Selbst die veranstaltungsintensivste Berliner Literaturinstitution, das Literaturforum im Brecht-Haus, kann mit der aktuellen Produktion nicht annähernd Schritt halten. Wenn von der Flucht in die tausend großen und kleinen Winkel dieser Stadt also auch die Laufkundschaft profitiert – um so besser. Gregor Dotzauer

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