Anhalter Bahnhof : Platzkonzert bei Kemper

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An diesem Wochenende wird der Berliner Kammermusiksaal 25: Wenn das keine Einladung zum Zeitsprung ins ganz späte West-Berlin ist! Die Mauerstadt war eine Insel im rasant versandenden roten Meer, wir lebten behaglich mit Zitterprämie und Schaufenster-des-Westens-Subventionen, und die Philharmonie lag am Kemperplatz.

Herbert von Karajan, schon schwer von Krankheit gezeichnet, dirigierte zur Eröffnung am 28. Oktober 1987 Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, an seiner Seite Anne-Sophie Mutter. Danach bespielten die Philharmoniker in mannigfaltigen Formationen das ganze, neue Haus. 24 Jahre hatte Edgar Wisniewski, der Scharoun-Partner, um den kleinen Bruder der Philharmonie gerungen, mit Insistenz und Benefizkonzerten, erst die 750-Jahr-Feier machte den Traum möglich. Aus falschem lokalpatriotischen Stolz allerdings wurde der Bau mit den neun Ecken für einen Kammermusiksaal viel zu groß dimensioniert (1000 Plätze!), wie üblich bei Prestigeprojekten kostete er am Ende fünfmal mehr als geplant (123 Millionen DM!).

Neue Klangwelten erschlossen sich drinnen, draußen gähnte die Leere. Hinter der Metropolentundra des Kulturforums erstreckte sich eine noch ödere Brachfläche, bis dorthin, wo der geteilte Himmel über Berlin begann. Mittendrin, auf sechs Meter hohen Stelzen, die Teststrecke der Magnetschwebebahn. Einmal konnte ein Wagen nicht bremsen, flog aus der Kurve. Gar nicht so lange her. Verdammt viel passiert seitdem.

Die Wende brachte Museen und Opern im Westen scharfe Konkurrenz, Philharmonie und Kammermusiksaal aber standen stets singulär da, als architektonische Ikonen, jeder will hier auftreten. Am Sonnabend feiert Berlins Spitzenorchester das erste Vierteljahrhundert des „kleinen“ Saals, mit einem Konzertmarathon von 11 bis 23 Uhr, die Laudatio hält ein Nachbar, Dieter Kosslick, Chef der Berlinale.

Den Kemperplatz übrigens gibt es immer noch, zumindest auf dem Stadtplanpapier. Dort nämlich, wo der Tiergartentunnel unablässig Autos auf die Kreuzung Ben-Gurion-, Tiergarten- und Lennéstraße spuckt. Einst standen hier wilhelminische Bürgerpaläste, heute füllt die Investorenarchitektur des Sony-Centers die Fläche. Seinen Namen erhielt der Platz übrigens von einem findigen Unternehmer, der einst, in biedermeierlicher Waldidylle, ein Wirtshaus betrieb. „Kempers Hof“ hieß das Etablissement – dort tagte seit 1809 die „Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin“. Da sage einer, in Berlin gäbe es keine Traditionen! Frederik Hanssen

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