Anhalter Bahnhof : Ringelnatz im Frühling

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Was für wundervolle Gedichte der Kerl geschrieben hat – nur schon die Titel! „Feierabendklänge eines einhändigen Metalldrehers an seine Frau mit preisgekrönten Beinen“. Oder „Es setzten sich sechs Schwalben“. Oder „ Vier Treppen hoch bei Dämmerung“. Und so geht das heiter bis wolkig weiter, mit „Zwei Schweinekarbonaden“, „Lied aus einem Berliner Droschkenfenster“, „Es waren zwei Moleküle“. Joachim Ringelnatzens „Kuttel Daddeldu“ von 1924. Leichte Elegien aus schwerer Zeit.

Eigentlich sollte hier jetzt was über Züge und Bücher stehen, Lokomotiven und Literaten, es ist Buchmesse und die Leser und Schreiber, die Buchverkäufer und -erfinder rollen zur Stunde in Leipzigs prächtigem Kopfbahnhof ein; so einer war der Anhalter auch mal. Also von Flauberts Eisenbahn-Phobie sollte die Rede sein, von Dostojewskis „Idiot“ Myschkin, der im Eisenbahnabteil beginnt, und Tolstois „Anna Karenina“, deren Leben auf den Schienen endet. Von Simenons „Mann, der den Zügen nachsah“ wollten wir was hören – und nun hat sich Ringelnatz dazwischengeschoben, unwiderstehlich.

Vierter Klasse wär’ es noch mehr billig.

Aber da käme ich später an.

Und dann ist die Stellung vielleicht schon vergeben,

Und die Frau Bauratswitwe sagt dann

Wieder: Ich sei arbeitsunwillig.

Und wovon soll ich dann am Freitag leben?

Am liebsten möchte ich gar nicht fahren.

Da könnten wir all das Fahrgeld sparen,

Und lieber versaufen.

Und da können wir noch die beiden Weinflaschen verkaufen.

Da wird man wieder mal richtig vergnügt.

Und hauen uns nachts auf die Bretter am Halleschen Tor,

Wo manchmal der Bolzenmax liegt.

Jetzt kommen schon die Krokusse vor,

Da ist es schon nicht mehr so kalt.

Und morgen werden wir sehn, wo wir bleiben.

Da werden sie uns auseinandertreiben

Wie die Pferdeäppel auf'm Asphalt.

Ob es wohl wahr ist, wenn man noch lebt – dass man

Seine Knochen an die Akademie verkaufen kann?

„Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof“: Man weiß nicht, ob man lachen soll oder weinen, so schön traurig und großstadttrunken schreiten, latschen, taumeln die Verse daher. So sieht ein Berliner Winterende aus, mit Bolzenmax und Bauratswitwe, Treberhilfe anno dazumal. Wir warten auf die Krokusse. Rüdiger Schaper

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