Anhalter Bahnhof : Sommer im Theater

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New York erlebt in diesem Sommer eine spezielle Invasion. Die Europäer kommen. Sie besetzen die Bühnen mit schwerem theatralischen Geschütz. In einer alten Lagerhalle auf Governors Island präsentierte Peter Stein seine italienischsprachige Neun-Stunden-Version der „Dämonen“ von Dostojewski. Für unsereins eine Kleinigkeit, wir kennen solche Klopper von Frank Castorf, wir haben Steins „Wallenstein“ (zehn Stunden) und seinen „Faust“ (insgesamt 23 Stunden) lächelnd abgesessen. Den Kritiker der „New York Times“ aber packt das nackte Grauen, die kontinentale Schwere hat ihn erdrückt. Neben den „Dämonen“ gab’s auch gleich noch eine Adaption des Pasolini-Films „Teorema“ – da verführt ein geheimnisvoller Fremder sämtliche Mitglieder einer Industriellenfamilie – und, nomen est omen, eine Produktion von Simon McBurney und seinem Theatre de Complicité über die Schönheit mathematischer Formeln. Für die jüngeren Zuschauer bot das Lincoln Center Festival ein Puppenspiel mit dem kindgerechten Thema „The Battle of Stalingrad“.

Wenn man Ernst und Dunkelheit als europäischen Virus betrachtet, so sind auch die Theater an den lauschigen Orten außerhalb Manhattans infiziert. Dort werden Beckett und Albee gegeben und aus dem Oeuvre Shakespeares ebenfalls nur Sinistres: „Macbeth“ und der „Merchant of Venice“. Das Motto des Theatersommers, stöhnt die „Times“, sei „Angst“; ein deutsches Lehnwort im Sprachgebrauch der Amerikaner.

In Berlin indessen herrscht eine seltsame Leere. Die großen Bühnen sind vernagelt, nur ein paar Off-Ensembles spielen tapfer durch, und natürlich hat sich Rolf Hochhuth wieder ins Sommertheaterloch gestürzt mit seiner „Inselkomödie“. Ein bisschen wenig für eine Stadt, die sich gern als Metropole des Welttheaters bezeichnet und drei Opernhäuser finanziert.

Es ist schwer, ausländischen Gästen zu erklären, dass wir hier zur Sommerzeit strikte Theaterruhe einhalten, dass sie in ein, zwei Monaten wiederkommen müssen. Zur Festspielzeit ist das Berliner Theaterleben ausgestorben. Wenn die Saison erst einmal läuft, kann man sich nicht retten vor Premieren und Terminen. Dann fliehen wir gern ins stille New York. Rüdiger Schaper

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