Anhalter Bahnhof : Streik der Streicher

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Sie haben einen Traumberuf. Sie werden ordentlich bezahlt, bis zu 6000 Euro im Monat. Sie können mit Nebenjobs auch gern kräftig dazuverdienen. Ihre Arbeitszeiten sind geregelt, und sie sind unkündbar bis zur Rente. Und was all das Materielle übersteigt: Sie haben mit dem Schönsten zu tun, was unsere Zivilisation bietet, sie machen Musik. Am kommenden Wochenende spielen sie zum Beispiel an der Deutschen Oper eine „Don Giovanni“-Premiere und an der Staatsoper ein neues „Rheingold“.

Mal Wagner, mal Mozart, vielleicht auch mal was Zeitgenössisches, warum auch nicht! Man stellt sich den Orchestermusiker als glücklichen Menschen vor, zumal in Berlin. Hier boomt die Kultur, hier geht man in die Oper, tolle Sänger und Dirigenten geben sich die Klinke in die Hand, und anders als in Hamburg hat es der Berliner Senat geschafft, die Kultur weitgehend von Sparmaßnahmen zu verschonen. Kurzum: Galeerendienst und Billiglohnfron sehen anders aus. Wer morgens als Orchestermusiker aufwacht, kann seinen Lieben ein fröhliches Ständchen fiedeln und sich seines Künstlerlebens freuen.

Sicher, es kann auch ganz schön eng und unbequem sein im Orchestergraben, und manch ein Dirigent gibt den Diktator. Aber dafür lockt die eine oder andere aufregende Gastspieltour. Letztlich wird man sagen können: Die Tätigkeit eines Orchestermusikers kommt dem Marx’schen Ideal von nicht entfremdeter Arbeit recht nahe.

Es wird aber noch besser. Die Orchestermusiker verstehen einander so wundervoll, dass sie zu hohen Graden in der Deutschen Orchestervereinigung gewerkschaftlich organisiert sind. Paradiesische Zustände! Musiker verdienen im Schnitt mehr als Tänzer und Schauspieler, und sie sind auch mutiger als andere Künstler: Sie streiken!

An der Deutschen und der Komischen Oper blieben vor ein paar Tagen die Orchesterstühle nach der Pause leer. Was für eine fabelhafte Solidarität! Die Instrumente eingepackt und Abgang. Da passt kein Notenblatt dazwischen. Und das ist erst der Anfang. Nach und nach wollen die Berliner Orchestermusiker spontan Aufführungen bestreiken. Weil der Senat sich weigert, für Berlin den Bundestarifvertrag zu übernehmen und ein paar Prozent draufzulegen. Und weil die Musiker es ablehnen, in anderen Orchestern der Opernstiftung ohne Extrakohle auszuhelfen.

Genial: Sie wollen gleichzeitig Künstler und Beamte sein. Sie wollen mehr und haben doch schon alles ... Rüdiger Schaper

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