Anhalter Bahnhof : Trau, schuh wem!

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Es kann sein, dass dieser Text inhaltlich etwas dünn ausfallen wird. Ohne die umfassendste aller Enzyklopädien, die englischsprachige Wikipedia, ist der Bildungshubernde heutzutage aufgeschmissen. Wie in aller Kürze ein Thema ansprechend bearbeiten, wenn man nicht durch die Weiten des Halbwissens waten kann? Wikipedia zeigt der Welt jetzt, da dies geschrieben wird, im übertragenen Sinn den Schuh, ist offline, aus Protest gegen geplante Internetgesetze in den USA.

Apropos Schuh: Das wäre was gewesen. Eine kleine Betrachtung dieses Kleidungsstücks, dessen Vorzeigen – inspiriert von der Arabellion – auch hierzulande mehr und mehr zum Symbol des Protests, ja der Verachtung wird. Was ist das, das im Nahen Osten als unrein gilt, von dem aber ein Paar im Eifelort Prüm in einem Reliquienschrein liegt, weil angeblich Jesus Christus damit durch just diesen Nahen Osten gelaufen ist? Was ist das, das in Sporttaschen vor sich hinstinkt, aber auch Menschen dazu bringt, sich selbst freiwillig und ohne klinischen Befund einen Tick, also eine auf Schuhe bezogene „kurze und unwillkürliche, regelmäßig oder unregelmäßig wiederkehrende motorische Kontraktion einzelner Muskeln oder Muskelgruppen“ zu unterstellen?

So ganz ohne Informationen, außer jenen über Prüm und den Tick, die der ungesperrten deutschen Wikipedia zu entnehmen waren, kann hier nur weitergefragt werden: Warum sind Sportschuhe meist so bunt? Was bezweckt der Cellist Johannes Moser damit, dass er sich für sein neues Plattencover mit Turnschuhen ablichten ließ – bald 30 Jahre, nachdem Joschka Fischer 1985 ähnlich beschuht den viel provokanteren Schritt ins Parlament unternahm? Und warum zur Hölle tragen die Bewohner des RTL-Dschungelcamps die ganze Zeit Wanderstiefel? Wohin wollen die gehen, außer uns auf den Geist?

Fragen über Fragen, die zu beantworten durch den Ausfall einer Wissensquelle natürlich nicht unmöglich wird. Doch den Schuh und den Blackout vor Augen lässt sich an diesem Tag darüber sinnieren, wie es wäre, wenn es dieses ganze hier eingearbeitete Gratiswissen nicht mehr gäbe. Wenn man nur auf die zwei dürren Brockhausseiten zum Thema und den eigenen Kopf zugreifen könnte. Gut, ohne die ewigen Zerstreuungen durch das Internet wäre der vielleicht fit wie ein Turnschuh und man wüsste selbst, dass Absätze erst im 12. Jahrhundert aufkamen, zunächst nur an Reitstiefeln. Indes, wie sagt der Volksmund, laut zitate-online.de? „Man muss Schuhe suchen, die den Füßen gerecht sind.“ Nur so wird ein Schuh draus. Johannes Schneider

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