Anhalter Bahnhof : Von Göttern und Söhnen

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Söhne von Göttern haben es nicht leicht. Nägel tun weh. Und es schmerzt vermutlich ohnehin, ein vorherbestimmtes, in den Mythos eingeschriebenes Leben führen zu müssen. Ohne Chance auf ein eigenes. Das ist der Kreuzweg. Und was hat ein Gottessohn davon? Ein paar mehr Zuhörer auf dem Tempelberg, als all die Propheten hatten, das war Jesus’ Lohn. Auch eine Spontanparty konnte er schmeißen mit seiner Wandlung von Wasser zu Wein. Ansonsten furchtbarste Verzweiflung. Verlassen fühlte er sich, am Ende.

Von Göttern als Nachkommen in die Welt gesetzt zu werden, ist auch die Erfahrung von Sean, James, Dhani und Zak. Ihre Väter halten noch immer den Olymp des Pop besetzt. Denn sie heißen John, Paul, George und Ringo, und jeder Mensch weiß, dass mit den Beatles ein Zeitalter der Überhöhung begonnen hat, das den Popstar als Anbetungsobjekt in unsere gottverlassene Kultur eingeführt hat. Sie seien berühmter als Jesus, hat denn auch John Lennon scharfsinnig zur Wachablösung am Himmelstor bemerkt. Ja, John, dein „Yeah Yeah Yeah“ ist das neue Hosianna geworden!

Sean Lennon hat das viel Unglück gebracht. Klar, Geld genug, um sorglos zu leben, hat ihm sein Vater vermacht. Aber wiegt das auf, zum Gefangenen eines Mythos zu werden, der sich in seinen Gesichtszügen ebenso wiederfindet wie in seiner dem Vater gleichenden Stimme und dem Talent für Musik? Der ihm allein keinen Ausweg lässt?

Deshalb ist die Idee James McCartneys nicht dumm, den ewigen Traum von einer Beatles-Reunion in die nächste Generation zu verschieben – und mit den Söhnen zu verwirklichen. Wer wäre berufener als diese Young Beatles für ein solches Projekt? Es wäre die Supergroup aller Supergroups, sogar den Tod hätte sie ausgetrickst, und um Umsatzrekorde müsste sie sich nicht sorgen. Jeder würde sich die Band anhören und wissen wollen, ob der göttliche Funke, der Songs wie „A Day In A Life“, „Eleanor Rigby“, „Ticket To Ride“ … unvergessen sein lässt, auch Bestandteil ihres Erbvertrags ist. Vielleicht haben nur Göttersöhne die Kraft, die Zeit anzuhalten. Für sie selbst wäre es ein Befreiungsschlag. Statt weiter ein Leben zu führen, das unweigerlich als „nicht so gut wie …“ abgetan wird, greifen die Söhne zur Überbietungsstrategie des Pop. Den Beatles-Sohn in sich zu überhöhen, hieße für James McCartney, Sean Lennon, Dhani Harrison oder Zak Starkey, mehr als ewige Beatles- Söhne zu sein. Kai Müller

Eine Bildstrecke zu den Beatles finden Sie unter: www.tagesspiegel.de/pop

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