Anhalter Bahnhof : Wir sind Revolution

von
Anhalter Bahnhof

Wochenlang haben ägyptische und deutsche Demonstranten am Brandenburger Tor gegen den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak protestiert. Nun, da er gestürzt ist, kommt auch hinter die edle Glasfassade der benachbarten Akademie der Künste Bewegung. Aber wie bekundet man „Solidarität mit dem demokratischen Aufbruch in Ägypten“?

Beim Gespräch am Dienstagabend klopft sich Hausherr Klaus Staeck auf die Schulter, weil er noch nie eine solche Veranstaltung in solcher Rekordzeit organisiert hat. Der Schauspieler Mario Adorf ist „froh, dabei zu sein“, obwohl sein einziger Bezug zu den Revolutionen in Tunis und Kairo darin liegt, dass er offenbar schon lange davon träumt, in die Filmrolle des Karl Marx zu schlüpfen. Der reiste in seinem letzten Lebensjahr nach Algerien und sah die Welt danach angeblich anders. Volker Schlöndorff fühlt sich an den Aufstand von 1953 erinnert, den er als Schüler in Bitterfeld erlebte und der ihn zur Flucht in den freien Westen brachte. Kurz: Wir sehen die Dinge nach deutscher Hausmacherart – trotz eingespielter Bilder aus Kairo und der Augenzeugenberichte der deutsch- ägyptischen Regisseurin Viola Shafik und des Autors und Verlegers Khaled Abbas vom Tahrir-Platz in Kairo.

Wenn sich das Publikum zu Wort meldet, wird noch deutlicher, wie fern von den ägyptischen Ereignissen, Sorgen und Erwartungen man ist. Immer noch bestimmen Projektionen das Bild des anderen. Der muslimische Terrorist ist abgelöst worden vom sympathischen Blogger. Ein Flugblatt stimmt eine Hymne auf die „anarchische Revolution“ in Ägypten an und fragt, wann „wir ägyptische Verhältnisse in Mitteleuropa“ bekommen.

Eine Zuschauerin findet die Ähnlichkeit zwischen dem Charlottenburger Ernst-Reuter-Platz und dem Tahrir- Platz frappierend und schlägt vor, dort eine Zeltstadt zu errichten – mit Infoständen über die verbleibenden Unterdrücker-Regime in der Welt. Dem ägyptischen Wissenschaftler Aref Botros, der schon bei den Demonstrationen am Brandenburger Platz seine Erfahrungen mit linken deutschen Splittergruppen gemacht hat, platzt irgendwann der Kragen: „Jeder projiziert hier seine Projekte auf die Ereignisse in Ägypten.“

Die angemessensten Worte findet übrigens Superstar Harry Belafonte. Der Sänger macht nicht den geringsten Versuch, in die ägyptische Revolution eigene Botschaften hineinzulesen. In einer poetischen Videoansprache bedankt er sich bei den Demonstranten schlicht „für das, was ihr uns gegeben habt“. Andrea Nüsse

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