Anhalter Bahnhof : Wo die echten Kerle wohnen

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Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki“ ist ein anrührendes Buch: Roman einer zarten sowjetischen Seele, eines Moskauer Alles- und Vieltrinkers, der sich auf einer Bahnfahrt nach eben jenem Petuschki in den Orbit säuft wie eine Sojus-Kapsel. Jerofejew starb 1990 an den Folgen eines ungesunden Lebens, sein Gesang infernalisch absaufender Schluckspechte und Revolutionsschwäne wurde unsterblich.

Am Schauspiel Frankfurt haben nun vier Schauspieler bei einem Jerofejew-Abend ein Komasaufen veranstaltet. Sie kippten während der Vorstellung Wodka, bis sie flach auf den Brettern lagen, einer kam ins Krankenhaus. Arbeitsrechtliche Konsequenzen gibt es nicht, denn die eiligen Frankfurter Trinker liegen mit ihrer „Petuschki“Performance sternhagelvoll im Trend. Während das Virtuelle mehr und mehr die Realität aus dem wirklichen Dasein verdrängt, greifen Künstler immer gieriger nach dem wahren Leben, oder dem, was sie dafür halten. Das Reale ist die neue Modedroge. Im Theater Fürth kommt die Quelle-Pleite auf den Spielplan, mit echt gekündigten Versandhausmitarbeitern.

Wo die Fiktion sich erschöpft, springen die Dokumentaristen ein. Und die schaffen sich wiederum ihre eigene Welt. Kein Scherz: Fürs europäische Kulturhauptstadtjahr bespielt der Konzeptkünstler Jochen Gerz in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr „2-3 Straßen“. 78 Kandidaten wurden ausgewählt (aus 1500 Bewerbern), sie wohnen zwölf Monate mietfrei im Pott und sollen – als einzige Gegenleistung – Tagebuch führen. Laptops werden gestellt.

„Wir sind angetreten, um die Straßen ästhetisch zu verändern“, sagt Gerz. Doch abgesehen davon, dass die Idee von dem Berliner Theaterleiter Matthias Lilienthal („X Wohnungen“) real geklaut ist, geht die 1,3 Millionen Euro teure Aktion an den armen Jerofejews des Ruhrgebiets glatt vorbei. Die Einjahresurlauber kommen aus Berlin oder Stuttgart, brauchen weder Talent noch ein Dach über dem Kopf, sondern nur mal eine Luftveränderung.

Ruhr-Realität als purer Luxus, Fremdwohnen als Kunst, und nachher soll ein Buch draus werden. Da kann einem echt übel werden, auch ganz ohne Alkohol. Rüdiger Schaper

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