Zeitung Heute : Ankara triumphiert doch wie lange?

RÜDIGER SCHEIDGES

Was es auch sei, so fürchte ich die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen." Priester Laokoon wußte, warum er die westanatolische Stadt Troja eindringlich vor dem hölzernen Pferd warnte, das die Griechen so selbstlos in der Stadt zurückließen.3000 Jahre später haben die Griechen, verläßliche Erzfeinde der Türken, bei der Erfüllung des heißesten türkischen Wunsches geholfen: Abdullah Öcalan, PKK-Führer und Staatsfeind Nummer 1 der Türkei, ist von der griechischen Botschaft in Nairobi schnurstracks in die feindliche Heimat verbracht worden.Ein Danaer-Geschenk?

Gestern noch wähnte sich Ankara zusammen mit der Mehrheit der Bevölkerung auf dem Gipfel des Triumphes.Mußten sie auch.Drei Monate lang, seit Öcalan sich in Rom blicken ließ, hat die Türkei den Bürgern versprochen und den Europäern gedroht: Todestrafe hin, Todesstrafe her, den kriegen wir schon.Entsprechend groß der Stolz, entsprechend tief die Befriedigung darüber, daß der Sieg über den Bösewicht mit einer Düpierung der Europäer einhergeht.Doch sieht sich das Nato-Mitglied und der EU-Aspirant Ankara jetzt unvermittelt vor die nicht nur juristische Frage gestellt: Wie mit dem "Märtyrer" Öcalan umgehen, ohne daß sämtliche Pulverfässer im Land hochgehen?

Allen Bekundungen zum Trotz weiß Ankara, daß es selbst das Pulver gemischt hat, und daß Öcalan nur groß werden konnte, weil die Türkei das Kurdenproblem jahrzehntelang kleingeredet hat.Der Brandherd schwelt weiter, der Konflikt im Südosten bleibt virulent - und ein politisches Konzept will Ankara noch immer nicht präsentieren.Solange aber in Ankara keine Vernunft einzieht, werden lauter kleine Öcalans nachwachsen und aus dem unterdrückten Recht der Kurden auf Gleichberechtigung und Eigenständigkeit Waffen schmieden.Auch wenn die PKK dem Militär nicht die Stirn bieten kann, so ist die Radikalisierung etlicher Kurden angesichts der Aussicht, daß ihrem Führer die Hinrichtung droht, gewiß.Die Ausschreitungen extremistischer Kurden in Österreich, Deutschland und anderen Staaten Europas sind ein Fanal - auch für die Türkei.Man kann nur hoffen, daß der so böse wie entlarvende Aufruf Öcalans, die Kurden sollten bis zum "Endsieg" weiterkämpfen, nicht alles in Brand setzt.

Für die Kurden steht mehr auf dem Spiel als der Verlust eines abgehalfterter Stalinisten und grobschlächtigen Guerilla-Chefs.Die nicht gewaltbereite Mehrheit der Kurden ist abermals durch Öcalan selbst in eine mißliche Lage geraten.Nachdem dieser zur Wiederaufnahme des Kampfes aufgerufen hatte, finden im Namen der Kurden quer durch Europa Geiselnahmen, Überfälle und Brandschatzungen statt, werden sämtliche Kurden mit der PKK gleichgesetzt.Just mit solchen Aktionen aber hatte Öcalan schon früher alle seine fragwürdigen Versuche, eine historische Parallele zwischen PKK und PLO zu ziehen, gründlichst diskreditiert.Gleichzeitig aber auch dadurch, daß er alle kurdisch-demokratischen Konkurrenzunternehmen zu seiner Arbeiterpartei so gnadenlos niederkartätscht hat - so wie er es gerne mit allen türkischen Soldaten getan hätte.Genau deshalb sollte seine Haft, die kaum enden wird, die Chance eröffnen, daß die demokratischen Kurden sich bestimmter und freier als bisher zu Wort melden.Diese Chance müssen sie ergreifen.Und Ankara, das weiß Gott kein sicherer Kantonist in Sachen Demokratie und Menschenrechten ist, muß sie endlich ernstnehmen und aufwerten.

Die Europäer könnten helfen.Sie werden aber große Mühe haben, die Türkei von der Notwendigkeit sowohl eines rechtstaatlichen Verfahrens gegen Öcalan als auch der politischen Zusammenarbeit mit den demokratischen Kurden zu überzeugen.Öcalan war den Europäern monatelang eine heiße Kartoffel, die sie weder anpacken wollten noch fallen lassen durften.Sie haben von Opportunitätserwägungen geleitet versucht, Öcalan weder einen Prozeß machen, noch ihn an Ankara ausliefern zu müssen.Daß die Europäer, besonders die Deutschen sich dabei von rechtstaatlich zumindest doppelbödigen Begründungen haben leiten lassen, ist Ankara bekannt.Und daß diese Diplomatie völlig gescheitert ist, hat sich gestern erwiesen.Da könnte die Türkei ein Angebot Europas leicht als ein weiteres gefährliches Geschenk bewußt mißverstehen.

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