Zeitung Heute : Anmut und Bitternis

KERSIN DECKER

Ein Haus auf dem Lande.Eine Datscha.Weiße Birken drumherum.Darin leben drei Schwestern, ihre Mutter, die Großmutter und zwei eher unbedeutende Männer.Diese Schwäche der östlichen Männer! Ein Tschechow-Szenario.Was kommt eigentlich Tschechow gleich, seinen Tragödien, die doch Komödien sind, und bei denen man nie weiß, was größer ist - ihre Anmut oder ihre Bitternis.Und solche Tschechow-Konstellationen kehren immer wieder, all die Onkel Wanjas und auch die alten Literaturprofessoren, für deren Werk man sein Leben hingibt und spürt, kurz bevor es vorüber ist, das Leben: Da war nichts.Kein Werk.

Bei Sergej Sneshkin ist der Literaturprofessor ein Dichter, Protassow, Träger sämtlicher Verdienstorden der Sowjetunion mit Ausnahme dessen für "heldenhafte Mütter".Und dieser Protassow ist tot.Aber sein Geist wohnt noch im Haus, presst die Seelen seiner Bewohner zusammen und läßt sie doch wieder zu Atem kommen.Ein grausames, klaustrophobisches Spiel ist das.Voll bösem Witz.Und Sneshkin läßt sich Zeit für diese Schleifung des Lebendigen.Nicht oft gelingt eine solche Synthese aus Kammerspiel und großem Kinoformat."Die Sonne, die uns täuscht" von Nikita Michailkow kommt dem Grundton von "Blüten der Calendula" vielleicht am nächsten.

Protassow, kein Werk? Nein, sagt Sergej Sneshkin am Mittwoch abend nach der Premiere, das könne man so nicht sagen.Sein Protassow sei eine Gesamtpersönlichkeit aus vielen russischen Dichtern, die wunderbare Sachen geschrieben hätten und ganz furchtbare (Valentin Katajew!).Und schlechte Menschen waren.Sagt Sneshkin.Vielleicht kann ja keiner zugleich Dichter und ein guter Mensch sein? Aber das ist nicht mal wichtig, denn wie man das überall auf der Welt kennt: Das Furchtbarste an den großen Dichtern sind ihre Witwen.Großmutter Protassow also, die aus der Datscha, dem letzten, was der einst privilegierten Dichterfamilie im heutigen Rußland noch geblieben ist, ein Protassow-Museum entstehen sehen möchte.Das Alter und vergangener Ruhm machen hart.Aber wie schon bei Tschechow (und Strindberg und den anderen großen immoralistischen Moralisten) ist es ein Besucher, ein Eindringling von außen, der das lang schwelende Feuer erst zum Flächenbrand werden läßt.Sergej Sneshkin schickt gleich zwei Besucher.Sie kommen von der Russenmafia und haben sich auf Immobilien spezialisiert.

Jede einzelne Rolle trägt.Man braucht nur etwas Zeit für diesen Film.Oder eher einen Raum, eine Weite in sich selber."Die Blüten der Calendula" verläßt nie das große weiße Holzhaus mit den Birken davor.Und trotzdem versteht man erst von hier aus, wie unvergangen manchmal das Gestern ist, wie schon längst gewesen die Gegenwart, und daß Zukunft keine von beiden mehr erkennen wird.

19.2, 13.30 Uhr (Kino 7), 22.15 Uhr, (Akademie); 20.2.19.00 Uhr (Babylon)

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