Zeitung Heute : Anorak an, Anorak zu

DIRK KÖNIG

Ralley, Kölner Band mit SommerhitVON DIRK KÖNIGWas hat die Band Ralley gemeinsam mit dem großen Mönchengladbacher Mittelfeldstrategen Günter Netzer, der in den Credits zu ihrer Debüt-CD vorkommt? So locker und präzise die Pässe des blonden Fußballspielers einst aus der Tiefe des Raumes kamen, so klingen heute die Songs der Kölner Popformation.Ralley, das sind Sten, Tom, Tscharnie und Suzie.Die wuschelhaarigen Mitzwanziger sind seit mehreren Jahren miteinander befreundet.Bassist Sten: "Mit Tom spielte ich bereits in einigen Schülerbands.Tscharnie lernten wir kennen, als er uns für eine Schülerzeitung interviewen wollte.Suzie gehörte sowieso zu unserem Freundeskreis.Irgendwann fing sie dann an, bei uns zu singen." Suzie ist die geborene Pop-Sängerin.Bevor ihre älteren Geschwister sie mit Beatles- und Kinks-Platten versorgten, ging sie zunächst brav zum Ballett- und Klavieruntericht.Das fand jedoch bald ein jähes Ende.Sten: "Suzie ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als sie mit ihrem damaligen Mod-Freund auf jeder Partie abhing.Sie war total flippig." Heutzutage singt die blauäugige Blondine mit unbekümmerte Frische von großen Gefühlen und kleinen Alltäglichkeiten, Dingen, die jeder Twentysomething nachvollziehen kann.Im aktuellen Sommerhit "Zelten" geht es beispielsweise einfach nur um die Versuchung, der Großstadt für einige Zeit den Rücken zu kehren.Suzie verschafft selbst vordergründig belanglosen Textzeilen wie "Ich zieh den Anorak an, ich mach den Anorak zu" eine prickelnde Atmosphäre.Während des Interviews ist sie die Freundlichkeit in Person - und das am Ende eines langen Tages voller Medientermine. Doch Suzie ist nicht nur das immer knuddeln wollende Mädchen von nebenan, das man ihr in Songs wie "Küß mich" oder "Halt mich" abnimmt.Ohne Umschweife singt die abgebrochene Philosophiestudentin auch von ihrer anderen Seite: "Ich bin ein Biest und ich bin zickig." Ralley sind keine tiefgründigen Denker wie die Kollegen von der sogenannten "Hamburger Schule", die analytisch die Mythen des Alltags entschlüsseln wollen, sondern junge Menschen, die eher die Leichtigkeit des Seins bevorzugen.Klare und deutliche Aussagen statt gemütsschwerer Metaphern.Bei diesen Vorgaben ergab es sich fast zwangsläufig, daß sie irgendwann ihrem Seelenverwandten Tom Liwa ("Flowerpornoes") über den Weg liefen.Dieser schrieb einen Song für die Kölner Band ("Drüber weg"), Sten und Tom wiederum produzierten seine beiden letzten Platten. Was für die Texte gilt, gilt auch für die Musik: Keine hochkompliziert-verschachtelten Kompositionen, sondern zärtliche Melodieperlen ohne jegliches Brimborium.Abgerundet wird der sanft-verträumte Sound mit einem leicht angedüsterten Sixties Beat à la Velvet Underground.Bei Ralley steht der Do-it-yourself-Gedanke hoch im Kurs.Sie leben gemeinsam in einer Kölner WG.Sie schreiben ihre Songs zusammen.Und sie gestalten ihre CD-Cover und Videos in Eigenregie.Suzies größter Wunsch ist übrigens ein gemeinsames Duett mit Toni Polster.Warum auch nicht? So gut wie die "Fabulösen Thekenschlampen", mit denen der Stürmer des 1.FC Köln bereits eine Platte aufgenommen hat, singt die Sängerin von Ralley allemal.

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