Zeitung Heute : Anpassung trifft Dominanz

02.10.2010 02:00 UhrVon Hans-Joachim Maaz

Wir ließen uns die Revolution abkaufen. Doch Defizite gab es nicht nur in der DDR – sagt der Ostdeutsche

Die Einheit Deutschlands ist ein großer Glücksfall, nicht aber der Vereinigungsprozess der beiden deutschen Staaten, der ist eher verunglückt. Die Einheit ist tatsächlich „alternativlos“, um einem vielfach missbrauchten Wort die Ehre zu geben. Deutschland, Europa, die Welt brauchen „Einheit“ – damit Frieden erhalten bleibt und möglich wird. Aber das ist eine schöne Utopie. Die Fehler und Konflikte im Vereinigungsprozess verraten uns, dass die „Gestalter“ der Einheit – die Politiker, Profitjäger und das Volk auf beiden Seiten – von irrationalen Antrieben geleitet worden sein müssen.

Natürlich handeln Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Bürokratie mit rationalen Argumenten, aber die Motive für Entscheidungen tragen zumeist verborgene psychosoziale Bedürfnisse.

Das ist die größte Schwäche einer Mehrheitsdemokratie, dass Pro und Contra immer auch recht haben, aber die Entscheidungen, zumal für ganz komplexe, unübersichtliche Prozesse, werden aus Stimmungen, Bedürftigkeiten, Suggestionen und emotional getragenen Motiven getroffen, die die Mehrheit ansprechen. So gesehen muss man den Vereinigungsprozess als „alternativpflichtig“ beurteilen, zumindestens um zu begreifen, warum wie gehandelt und entschieden wurde, um aus den Fehlern, die „aus heutiger Sicht“ eingeräumt werden, wirklich etwas lernen und verändern zu können.

Alle Formulierungen, die nach schweren Fehlentscheidungen benutzt werden, dienen nur der Verschleierung tieferer Erkenntnis und Beschwichtigung möglicher Kritiker. Auf den deutschen Vereinigungsprozess bezogen heißt es bis heute: Es gab kein Vorbild, das historische Zeitfenster war sehr eng, das wirtschaftliche Desaster der DDR duldete keine Verzögerung, es war der Wille des Volkes. Das stimmt alles – mehr oder weniger –, begründet aber nicht die Qualität des Vereinigungsprozesses.

Es ist immer wieder zu beobachten, wie bei menschlichem Versagen nicht nach den Hintergründen und Zusammenhängen gesucht wird, sondern nach einem Sündenbock, der dann die Verantwortung übernehmen soll, um alles Gewichtigere, Belastendere, Komplexere zu verleugnen und die Affekte schnell an einem Opfer abreagieren zu können: An der Finanzkrise soll die Gier der zockenden Banker schuld sein, die Tragödie von Duisburg soll durch den Rücktritt des Oberbürgermeisters bewältigt werden und im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche soll „lückenlos“ aufgeklärt werden – gemeint ist damit: was und wie es geschehen ist – nicht aber, inwieweit die Sexualmoral der katholischen Kirche und autoritäre Verhältnisse eine wesentliche Ursache spielen könnten.

Aber nur mit klärenden Erkenntnissen über die Hintergründe einer Massenpanik – welche Bedürfnisse und Befindlichkeiten strömen da zusammen – oder über die Quellen von Gier – die die Banker mit allen Anlegern teilen – und über die einschüchternde und Halt gebende Funktion autoritärer Religionen nähern wir uns einem umfassenden Verständnis, das nicht mehr durch Organisationsfehler, institutionelle Schwächen und Gesetzeslücken oder gar nur durch einzelnes menschliches Versagen bagatellisiert werden kann. Nur mit einer umfassenderen Perspektive und Analyse können wir auch das Dilemma der deutschen Einheit verstehen: einerseits alternativlos, zwangsläufig, ein großes historisches Glück und andererseits zerbrochene Illusionen und Lebensläufe, Enttäuschungen, Kränkungen, Ungerechtigkeiten, Betrügereien und Kriminelles.

Die menschliche, psychologische Seite wird meistens verdrängt, weil dann alle mehr oder weniger Betroffene sind und der Sündenbockmechanismus keine Entlastung mehr bringen kann. Wir sprechen gern von „Aufarbeitung“ der Vergangenheit, aber haben wir wirkliche klärende Antworten gefunden, warum die Deutschen bis zum bitteren Ende 1945 mehrheitlich ein höchst abnormes und destruktives Gesellschaftssystem ausgestaltet haben? Und warum sind wir im Osten zumeist angepasste Mitläufer gewesen und warum ist im Westen die Gier zu einem kollektiven Symptom geworden?

Die psychosozialen Ursachen kollektiver Fehlentwicklungen werden in aller Regel nicht gesehen und nur auf der Symptomebene der Äußerlichkeiten gewertet: So grenzt sich der real existierende Sozialismus der DDR mit Recht entschieden vom Nationalsozialismus ab und die demokratische Bundesrepublik Deutschland hat schon immer – offiziell und individuell – auf das „kommunistische System“ der DDR mit Verachtung und auf die „armen Brüder und Schwestern im Osten“ mit Mitleid herabgeblickt. Gründe dafür gibt es genug, und benutzt man dabei Schlagworte – wie Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Wohlstand – wird jedes tieferreichende Nachdenken nahezu erstickt. Aber sind das Recht auf Arbeit, auf Wohnung, auf Bildung und Ausbildung, auf Zukunft, auf Klimaschutz, auf Umweltschutz, auf Frieden nicht auch Menschenrechte? Ist Demokratie nur ein geschicktes Spiel um Mehrheitsverhältnisse, aber nicht innerseelisch verankert? Sind Nichtwähler noch Demokraten oder nur hilflose Verweigerer, die nicht mehr mitspielen? Sind wir noch freie Menschen, wenn wir uns anpassen, um die Arbeit nicht zu verlieren oder unser Leben nach der Werbung, der Mode, den günstigsten Angeboten ausrichten und um Sozialprestige ringen?

Ost und West sind oft verglichen worden, meist zuungunsten des Lebens in der DDR. Ich habe da nichts zu beschönigen. Nur die Relation stimmt nicht. Und damit meine ich nicht, dass doch auch einiges gut war in der DDR oder zumindestens diskussionswürdig: die Kinderbetreuung, das Schulsystem, die Polikliniken – oder der grüne Pfeil. Nein, für mich stehen ganz andere Fragen an: Wie ist das Sozialgefüge, die Beziehungskultur in Partnerschaften, Freundschaften, bei der Arbeit und in der Sexualität, der Umgang mit Kindern, die Werteorientierung, der Umgang mit Krankheiten, das Ausmaß pathologischer Süchtigkeit und Gier, das Ausmaß von Gewalt, Radikalisierung und Kriminalität? Man kann natürlich über den Mangel an Waren in der DDR klagen, aber ist die Fülle wirklich besser? Dabei geht es nicht nur um die harmlose Qual der Wahl, sondern um Giftiges, Gefährliches, Verlogenes, um Betrug, um Umweltzerstörung und Ausbeutung. Es war ganz beklemmend-einengend, als DDR-Bürger nur sehr begrenzt reisen zu dürfen, aber ist der Massentourismus die große Freiheit und auf welche Kosten? Die Verweigerung demokratischer Grundrechte war empörend, aber wird der Wille des Volkes in der Parteien-Demokratie wirklich noch vertreten?

Der DDR kann man nicht wirklich nachtrauern, dem Leben in ihr manchmal schon, und das siegreiche System des Westens kann man nicht wirklich feiern, auch wenn manches höchste Anerkennung – wie das rechtsstaatliche System – verdient und vieles – vordergründig – sehr vergnüglich und angenehm sein kann. Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise wissen wir, dass die Idee eines unbegrenzten Wachstums und Wohlstands auch nur eine schöne – allerdings sehr gefährliche – Utopie ist. Damit ist die Einheit Deutschlands – anders als gedacht und erhofft – in der Krise vollendet. Hinsichtlich der Zukunft sitzen wir jetzt tatsächlich in einem Boot und die Unterschiede, die noch über Generationen bestehen werden, spielen keine wesentliche Rolle mehr.

Angesichts der globalen Situation dienen Feiern um das geeinte Deutschland, wie auch kritische Analysen der Ost-West-Unterschiede und Untersuchungen über Gewinner und Verlierer der Einheit nur erneut der Ablenkung von der nun gemeinsam zu verantwortenden Fehlentwicklung.

Der „Spiegel“ titelt am 30. August 2010 mit „Die Dagegen-Republik“ und der brandenburgische Ministerpräsident Platzeck fordert Respekt für die Ostdeutschen – für ihre Lebensleistungen. Recht hat der Mann, doch Respekt kann man sich nur erwerben. So haben wir Ostdeutschen uns keinen Respekt verschafft, als wir uns unsere „Revolution“ abkaufen ließen in der naiven Verkennung kapitalistischer Interessen und der bequemen Hoffnung, bessere Verhältnisse beschert zu bekommen. Das sind die Folgen unserer Anpassungs- und Unterwerfungsbereitschaft. Aber auch die Westdeutschen können nicht auf Respekt hoffen, solange sie das Leben am Geldwert messen und den Osten in ihre Sucht mit einbeziehen. Mit einer Dagegen-Position wird nicht das durch kapitalistische Sozialisation aufgenötigte Dominanzstreben und die Süchtigkeit zu stoppen sein.

Ost- und Westdeutsche können nur, wirklich vereint, eine Dafür-Position erwerben, wenn sie gemeinsam um eine andere Lebensform ringen, in der Anpassung und Dominanz nicht mehr Gegensätze sind, sondern integriert werden. Die entscheidende Antwort auf die pathologischen Entwicklungen in unserer Geschichte können wir nur aus dem Verständnis des psychosozialen Zustandes der Massen gewinnen. Von zentraler Bedeutung sind dabei die narzisstischen Defizite und Verletzungen, die sehr viele in ihrer Entwicklung erlitten haben, die entweder durch Dominanz (West) oder durch Unterwerfung (Ost) getilgt werden sollen.

Beide deutsche Nachkriegswege sind einseitig und mit erheblichen Fehlentwicklungen belastet, das kann uns der Vereinigungsprozess lehren, in dem sich die zwei Seiten narzisstischer Entwicklungsstörungen – Minderwertigkeit und Überheblichkeit – wie Schloss und Schlüssel ergänzt haben, statt der jeweiligen gesellschaftstypischen Einseitigkeiten gewahr zu werden und daraus gemeinsam zu lernen und neue Lebensformen zu finden.

Hans-Joachim Maaz, Jahrgang 1943, ist Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. Er war bis 2008 Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle an der Saale.

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