Zeitung Heute : Anschluss suchen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vom Irak-Krieg habe ich noch nichts gesehen. Die Bilder der Soldaten – ich kenne sie nur aus der Zeitung oder aus dem Radio. Vielleicht ist das ganz gesund. Aber auf Dauer fühlt man sich ein wenig ausgegrenzt von der Welt.

Die Firma, die mich von der Welt ausgrenzt, heißt „Kabel Berlin-Brandenburg GmbH“. Sie gehörte mal der Telekom und ist über Telefonnummern zu erreichen, die sich fälschlicherweise „Servicenummern“ nennen. Seit meinem Umzug ins bürgerliche Bötzowviertel habe ich oft mit der „Kabel Berlin-Brandenburg GmbH“ telefoniert. Bei fünf Gesprächen in fünf Wochen lernte ich fünf Dinge. Erstens: Wer von seinem Vormieter einen Kabelanschluss übernimmt, hat noch lange kein Recht darauf, dass der vorhandene Kabelanschluss freigeschaltet wird. Zweitens: Für einen nicht freigeschalteten Kabelanschluss ist nicht der Kundenservice zuständig, sondern eine „Kollegin“. Drittens: Die Durchwahl der Kollegin bekommt man erst nach drei Anrufen beim Kundenservice. Viertens: Die Kollegin ruft den Kunden nicht zurück. Grund: „Sie sind ja noch kein Kunde von uns.“ Fünftens: Wer bei der „Kabel Berlin-Brandenburg GmbH“ noch kein Kunde ist, hat wenig Chancen, dass er jemals einer wird.

Vielleicht hat das auch alles seine Richtigkeit. Schließlich habe ich gar keine Zeit zum Fernsehen, jetzt, da ich mich in einer neuen bürgerlichen Umgebung einleben muss. Jetzt, da ich viel Zeit darauf verwende, ein ruhiges Leben zu führen. Für ein ruhiges Leben, das habe ich in den vergangenen fünf Tagen gelernt, muss man mindestens fünf Dinge wissen. Erstens: Wer eine Einweihungsfeier mit einer Hundertschaft proletarischer Ost-Berliner feiert, der braucht mindestens drei Blumentöpfe und drei Pralinenschachteln, um am nächsten Tag seine Nachbarschaft zu beruhigen. Zweitens: Wer nach einer solchen Party seine Eltern zum Kaffeetrinken in seine neue Wohnung einladen will, muss mindestens drei Stunden Geschirr abwaschen und drei Stunden die Holzdielen wischen. Drittens: Wer am Abend nach der Party woanders versackt und dann mit dem Taxi nach Hause fährt, weil er den Nachtbus für nicht mehr bürgerlich genug hält, sollte aufpassen, dass er beim Aussteigen aus dem Auto nicht seine Brieftasche verliert. Viertens: Wer morgens seine Brieftasche sucht, sollte nicht laut fluchend durch die Wohnung rennen – wegen der Nachbarn. Fünftens: Wer sich am nächsten Abend die Brieftasche bei einer Familie im Haus gegenüber abholt („Die lag auf dem Fensterbrett. Das Geld war schon vorher weg, Ehrenwort.“), sollte einen Finderlohn bereit halten. („Wir sind arbeitslos, wissen Sie. Und überlegen Sie mal, wie viel Aufwand wir Ihnen ersparen.“)

Mann, war das eine Woche! Stressiger als Fernsehen.

„Du brauchst Urlaub“, sagte meine Schwester, als sie mich sah. „Du auch“, antwortete ich etwas beleidigt. Wir hatten beide Recht. Dann taten wir beide etwas für unsere Gesundheit: Wir riefen bei „Air Berlin“ an, buchten einen Flug in den Süden des alten Europas und ließen die stressige Woche hinter uns. Und das anstrengende Bürgertum. Und den blöden Irak-Krieg.

www.airberlin.de ; Telefon: 01801 – 737 800.

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