Zeitung Heute : Ansehen Olympias steht auf dem Spiel

SEBASTIAN ARLT

Nagano wird kein zweites Wintermärchen werden wie Lillehammer 1994, als der Wintersport zu seinen Wurzeln zurückgekehrt war, aber es darf auch keinen zweiten olympischen Alptraum wie in Atlanta 1996 geben.VON SEBASTIAN ARLT NAGANO.Die japanischen Organisatoren haben "Spiele des Herzens" versprochen, doch es überwiegt eher ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, wenn in der kommenden Nacht unserer Zeit Japans Kaiser Akihito die zwei Wochen dauernden XVIII.Olympischen Winterspiele von Nagano feierlich eröffnen wird.Die nicht mehr ganz so jungen Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) haben die Jugend der Welt in die knapp 400 000 Einwohner zählende Stadt 200 Kilometer südwestlich von Tokio gerufen - etwa 2450 Sportler aus 72 Ländern, darunter 133 Deutsche, sind gekommen.Aber trotz dieser Rekordbeteiligung wurde wohl noch nie im Vorfeld mit so gemischten Gefühlen auf Olympia geschaut wie diesmal.Es sind nicht nur das befürchtete Transportchaos und die ortsüblichen Wetterkapriolen, die Skepsis verursachen.Das Ansehen Olympias, ja des Sports an sich, steht vor den Augen der Weltöffentlichkeit auf dem Spiel. Nagano wird kein zweites Wintermärchen werden wie Lillehammer 1994, als der Wintersport zu seinen Wurzeln zurückgekehrt war, aber es darf auch keinen zweiten olympischen Alptraum wie in Atlanta 1996 geben.In Norwegen hatte sich gezeigt, daß Olympia noch eine Seele hat, das olympische Feuer hatte die Herzen erwärmt.In der Coca-Cola-Metropole wurde der olympische Geist in Flaschen abgefüllt.Nie zuvor hatten Mammon und Moneten Medaillen und Mythos so in den Schatten gestellt wie bei dieser Werbemesse in Georgia. Daß es zu diesen Auswüchsen kommen konnte, hat IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch entscheidend mit beeinflußt.Er hat in knapp 20 Jahren das IOC vom Bettelmann zum Milliardär gemacht.Doch unter seiner Ägide haben eben auch Gigantismus und Maßlosigkeit die Oberhand gewonnen.Aus höher, schneller, stärker ist größer, teurer, verrückter geworden.Markt oder Tempel? Diese Frage stellt sich natürlich schon lange nicht mehr.Ohne Vermarktung wären die Spiele heute nicht mehr möglich.Längst vorbei sind die Zeiten, als ein Karl Schranz von den Spielen in Sapporo 1972 ausgeschlossen wurde, weil er sich ein paar Schilling durch Werbung für Kaffee verdient hatte und dies gegen die Amateurregeln des IOC verstieß.Für Profis ist Olympia seit langem offen.Doch wenn nun 26 Jahre später die Sport- und Werbe-Karawane wieder Japan erreicht hat, haben die Olympischen Spiele die Balance bei der Gratwanderung zwischen den Idealen ihres Begründers in der Neuzeit, Pierre de Coubertin, und dem Big Business Sport völlig verloren. Nach dem Absturz in Atlanta muß sich Olympia wieder aufrappeln.Dies fällt um so schwerer, als der Sport selbst immer öfter in die Negativschlagzeilen geraten ist.Wettkämpfe treten gegenüber Doping-Fällen und -Verdächtigungen in den Hintergrund.Erst vor kurzem, bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Perth, ging deshalb das Image einer ganzen Sportart baden.Aber solange Leistung das allein Seligmachende ist, darf sich niemand wundern, daß Ehrlichkeit und Fair Play bei manchen zu Fremdwörtern werden, wenn schon als Verlierer gilt, wer am Ende nicht Sieger ist. Und doch ist für die meisten Olympioniken aus aller Welt, die in Nagano antreten, weder Geld noch Gold die Triebfeder für ihre Teilnahme, das Training dafür und den oft damit verbundenen Verzicht.Für sie gilt wirklich noch das Dabeisein als Erfolg an sich.Gerade die Tatsache, daß Sportarten und Sportler, die sonst nicht im Rampenlicht stehen, bei Olympia eine große Bühne haben, macht das Besondere dieses Sportspektakels aus.Die Faszination ist noch ungebrochen, das belegen die Einschaltquoten, das zeigt die Begeisterung der Hunderttausende Zuschauer an den Wettkampfstätten und der Milliarden vor den Fernsehapparaten.Olympia kann nicht friedvoller und besser sein als die Welt, in der dieses Treffen der unterschiedlichsten Menschen und Kulturen stattfindet.Und doch eint wenigstens für zwei Wochen die Menschen ein gemeinsames Interesse.Dieses gilt den Sportlern, ihren Leistungen und Emotionen, dem Freud und Leid, welches sie in Sieg und Niederlage erleben und erleiden."Die Welt will sie", hat Willi Daume, der große deutsche Olympier, einst über die Spiele gesagt.So wie sie sich zuletzt präsentiert haben, will sie die Welt in Zukunft nicht mehr.Nagano wird sehr schwer an seiner Verantwortung tragen.

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