Zeitung Heute : Ansichten zum Krieg
Der Libanonkrieg dauert nun schon mehr als drei Wochen, täglich gehen Bilder von getöteten Zivilisten um die Welt. Wie beeinflusst die Nahostkrise das Verhältnis der Deutschen zu Israel?
Für den Krieg in Nahost werden immer häufiger Juden in Deutschland in Haftung genommen. Seitdem Raketen der Hisbollah in Israel einschlagen und die israelische Armee den Libanon bombardiert, bekommt der Zentralrat der Juden jeden Tag über 200 Mails, meist sind es Hassbriefe von Deutschen aus dem ganzen Bundesgebiet. Eine jüdische Künstlerin wurde von einem Konzert ausgeladen, obwohl sie Berlinerin ist. SWR-Intendant Peter Voß äußerte in der Sendung Presseclub die Vermutung, dass sich der israelischen Staat nicht langfristig in Nahost halten könne.
Szenen aus den vergangenen Tagen.
Im September sollte die Kantorin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Tuchfabrik in Trier ein Konzert geben. Im November sollte in dem gleichen Kulturhaus der Stadt die in Haifa geborene, mittlerweile in Berlin lebende jüdische Jazzinterpretin Efrat Alony auftreten. Beide Veranstaltungen hatte die Stadt Trier zusammen mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz organisiert. Als Daniel Botmann, der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes, am 21. Juli aus dem Urlaub kam, fand er eine E-Mail von der Leiterin des Kulturbüros der Stadt Trier vor, in der sie die Konzerte absagte: „Aufgrund der momentanen Kämpfe in Israel und im Libanon möchten wir Sie bitten, das Konzert mit Avitall abzusagen – diese synagogalen Gesänge passen nicht zu der politischen Lage.“ Auch die Raumzusage für das Konzert mit Efrat Alony wurde zurückgenommen. Begründet wurde die Absage damit, dass die Tuchfabrik laut ihrer Satzung „politisch und weltanschaulich neutral ist. Die momentanen Kämpfe in Israel und dem Libanon sprechen eine andere Sprache“.
„Das ist eine unsägliche Entgleisung“, sagt Daniel Botmann. Er sei sehr überrascht, seit fünf Jahren habe man gut mit der Stadt und der Tuchfabrik zusammengearbeitet. „Es macht mich traurig, dass man als Jude heute noch für die Politik Israels verantwortlich gemacht wird.“ Wenn man bei dem derzeitigen Nahostkonflikt israelische und jüdische Musik als eine Provokation empfinde, dann dürfe man auch seit dem Irakkrieg keine amerikanische Countrymusik mehr hören. Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Trier, Oliver Lauer, sagte: „Wir bestreiten niemandem das Recht, Israel zu kritisieren, auch wenn wir solidarisch an der Seite Israels stehen. Aber wer Juden in Deutschland für die Handlungen der israelischen Regierung in Haftung nimmt, macht sich des Antisemitismus schuldig“. Gisela Sauer, Leiterin des Trierer Kulturbüros und Geschäftsführerin der Tuchfabrik, hat sich nun für die Ausladung beim Jüdischen Landesverband entschuldigt. Sie habe sich „unbedacht geäußert“. Den Vorwurf des Antisemitismus wies sie zurück. Zuvor hatte auch der Trierer Kulturdezernent das Vorgehen von Gisela Sauer „zutiefst bedauert“. Er sei davon nicht unterrichtet gewesen und die Konzerte würden nun stattfinden. In den jüdischen Gemeinden Berlin, Frankfurt, München sind ähnliche Vorfälle nicht bekannt.
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Die vielen antisemitischen Zuschriften, die der Zentralrat der Juden in Deutschland in den vergangenen Wochen erhalten hat, sei „keine Spinner-Post, sondern kämen aus der Mitte der Gesellschaft“, sagte Generalsekretär Stephan Kramer. Eine Studentengruppe zum Beispiel will den Zentralrat anzeigen, weil er seine Solidarität mit Israel erklärt hatte. Linke erklären, dass Juden mit ihrer Vergangenheit wissen müssten, dass man so etwas nicht macht. Die Absender gehen davon aus, dass Israel und damit „die Juden“ den Krieg „angezettelt“ hätten. „Glauben Sie, dass Sie mit solchen Methoden die Libanesen auf Ihre Seite ziehen?“ , heißt es in einem Brief. Viele trauen „den Juden“ alles Böse zu und meinen, „die Juden“ hätten spätestens jetzt kein Recht mehr, „den Deutschen ein schlechtes Gewissen einzureden“.
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Wie sorgfältig man zurzeit in der Öffentlichkeit mit dem Thema Israel umgehen sollte, zeigt eine Aussage des SWR-Intendanten und Moderators Peter Voß am vergangenen Sonntag im ARD-Presseclub. Das Thema: der Nahost-Krieg und die Folgen. Diskussionsleiter Voß: „Ich habe mal zu einem alten Freund – ich kann ruhig sagen, wer es ist: Marcel Reich-Ranicki – gesagt, ich glaube nicht, dass sich Israel langfristig dort halten kann. Ich habe gesagt, ich glaube nicht an eine Änderung der inneren Prozesse in den arabischen Ländern. Ich glaube nicht an Mentalitätsveränderungen. Ich glaube, wir werden irgendwann die Israelis wieder in Europa aufnehmen.“ Daraufhin sagte „Zeit“-Redakteur Martin Klingst: „Das ist eine antiaufklärerische Position!“ Voß: „Moment. Die Frage, ob die Aufklärung siegt oder verliert – das ist keine antiaufklärerische Position, wenn man sagt: Ich bin Pessimist. Da muss ich mich entschieden gegen verwahren.“
So weit, in Auszügen, der Presseclub. Einige Tage blieb es ruhig. Am Freitag titelte die „Süddeutsche Zeitung“: „TV-Chef Voß stellt den Staat Israel in Frage“. In dem Artikel wurde auch an die Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad erinnert, der angeregt hatte, Israelis in Europa anzusiedeln. Hinterlässt nun Voß’ Aussage „in vielerlei Hinsicht einen seltsamen Eindruck?“, fragte die „Süddeutsche“. Der Intendant war am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. SWR-Sprecherin Ariane Pfisterer wies darauf hin, dass Voß seine These im Presseclub ausdrücklich zur Diskussion gestellt habe mit der Frage: Was tun wir, um das zu verhindern? Wer ihn deshalb in die Nähe des iranischen Präsidenten rücke, könne offenbar zwischen einer wertenden Parteinahme und einer – gewiss pessimistischen – Prognose nicht unterscheiden. Das Publikum habe ihn jedenfalls richtig verstanden, denn es habe mit Ausnahme des „SZ“-Artikels keine Reaktionen auf seine Äußerung gegeben.
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Israel hat schon immer die Gemüter erregt. Anders als früher, als die traditionellen Medien noch als alleinige „Gatekeeper“ agieren konnten, kann man im Internet heute ungefiltert jede Meinung auf dieser Welt finden, so rassistisch, faktenverdrehend und verhetzend sie auch sein mag. Da wird in einem Tagesspiegel-Blog von „Adolf“ oder „Nazi“ kommentiert, die Araber würden jetzt endlich die Arbeit der Nazis zu Ende führen (der Kommentar wurde inzwischen gelöscht). Neben vielen antisemitischen finden sich auch antiislamische Kommentare, die Hamas, Hisbollah und Al Qaida als pars pro toto sehen und jeden Muslim für einen potenziellen Terroristen halten. Dazwischen gibt es natürlich alle Abstufungen an Meinungen und auch sehr gut informierte Debattenteilnehmer. Was aber deutlich wird, ist, dass sowohl Israelverteidiger als auch Israelverdammer die Gesetze der von Elisabeth Noelle-Neumann beschriebenen Schweigespirale verinnerlicht haben: Nur wer sich oft und lautstark zu Wort meldet, kann damit rechnen, eine Mehrheit von seinen Ansichten zu überzeugen.





