Zeitung Heute : Ansichten

Karadzic wird in Den Haag der Prozess gemacht. Wie aber geht der Balkan selbst mit seiner Vergangenheit um?

Ulrike Scheffer

Plötzlich ist sie wieder da, die Vergangenheit. Radovan Karadzic, einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher aus dem früheren Jugoslawien, ist gefasst. Doch während Karadzics Opfer die Nachricht in Bosnien feiern und der junge demokratische Außenminister Serbiens, Vuk Jeremic, sie als wichtigen Schritt Serbiens auf dem Weg nach Europa wertet, gibt es in Belgrad wütende Proteste gegen die Festnahme Karadzics.

Die Wunden des Krieges auf dem Balkan – sie sind noch immer nicht verheilt. Die Aufarbeitung des Geschehenen kommt nur schleppend voran. Zwar geben sich in Serbien Milosevics Erben geläutert, seit einigen Wochen regiert dessen sozialistische Partei gemeinsam mit den Demokraten. Doch Misstrauen und Zweifel bleiben. Tatsächlich hätten sich die Sozialisten nie von ihrem einstigen Führer distanziert, sagt Dragoslav Dedovic, Repräsentant der Heinrich-Böll-Stiftung in Belgrad. „In den Ortsvereinen hängen noch immer Milosevic-Porträts an der Wand.“

Hinter den Kulissen haben die alten Eliten ohnehin weiter großen Einfluss. Manche Beobachter sehen Serbien sogar im Griff einer Mafia aus alten MilosevicWeggefährten, die nicht nur die Wirtschaft dominieren, sondern auch Polizei und Geheimdienst kontrollieren. Wie mächtig sie tatsächlich sind, das wird sich nun zeigen. Denn in Belgrad gilt es als offenes Geheimnis, dass diese Clique schützend ihre Hand über einen weiteren Kriegsverbecher hält: General Ratko Mladic. Karadzic, so wird spekuliert, könnte auch ein Bauernopfer sein, um von Mladic abzulenken. Nach Anerkennung von Schuld sieht das nicht aus.

Es sind vor allem Nichtregierungsorganisationen, die in den Balkanländern die Aufarbeitung der Vergangenheit vorantreiben. Sie haben begonnen, die Opfer zu zählen und ihnen Namen zu geben. „Das passiert gerade in Bosnien, das besonders unter dem Krieg gelitten hat“, berichtet Ursula Renner vom Forum Ziviler Friedensdienst, das lokale Friedensinitiativen in den Balkanstaaten unterstützt. Dabei habe sich herausgestellt, dass deutlich weniger Menschen umgekommen sind, als bisher vermutet. Ein erster Schritt, mit Kriegsmythen aufzuräumen und sich der Realität zu stellen.

Menschenrechtsgruppen aus Serbien, Kroatien und Bosnien wollen eine Wahrheitskommission zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen gründen. Sympathie schlägt ihnen dafür nicht entgegen, erzählt Ursula Renner. Sie unterstützt einen Veteranenverband in Kroatien der die Rolle der eigenen Armee im Krieg hinterfragt. „Von anderen Kriegsteilnehmern werden diese kritischen Veteranen als Nestbeschmutzer beschimpft, Regierung und Medien nehmen kaum Notiz von ihnen.“ Dabei lässt viele Soldaten das, was sie im Krieg erlebt haben, nicht los. Allein in Kroatien haben in den vergangenen zehn Jahren 1500 Kriegsteilnehmer Selbstmord begangen.

Wie in den anderen Staaten, die gegen Milosevics Truppen gekämpft haben, würden Verfehlungen der eigenen Armee tabuisiert, sagt Renner. Entsprechend schwer tut sich die Justiz. Mutmaßliche Kriegsverbrecher, die im eigenen Land vor Gericht gestellt worden seien, hätten oft nur geringe oder gar keine Strafen erhalten, sagt Solveig Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Die Richter waren oft befangen. Inzwischen werden aber auch Prozesse neu aufgerollt.“

Im Kosovo hat die Aufarbeitung der Vergangenheit noch gar nicht begonnen. Vor wenigen Monaten erst hat sich die frühere serbische Provinz für unabhängig erklärt. Der Krieg gegen serbische Einheiten 1998 und 1999 lieferte der albanischen Bevölkerungsmehrheit dafür eine wichtige Rechtfertigung. Er wird als Befreiungskampf eines unterdrückten Volkes verklärt, die Kämpfer der UCK, der kosovarischen Befreiungsarmee, uneingeschränkt als Helden verehrt. Vizepremierminister Hajredin Kuci sieht daher auch keinen Grund, das Vorgehen der UCK zu hinterfragen: „Menschen, die einen Genozid begangen haben und solche, die dagegen gekämpft und dabei einige Fehler gemacht haben, kann man nicht auf eine Stufe stellen“, sagte Kuci dem Tagesspiegel. Durch die Rechtsprechung des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag sieht er sich in seiner Haltung bestätigt: Im April wurde der dort angeklagte frühere Premier des Landes, Ramush Haradinaj, freigesprochen. „Bis es so weit war, hat er mehrere Jahre im Gefängnis verbracht – unschuldig. Ich sehe dahinter den Versuch, die Schuld aus dem Krieg gleichmäßig zu verteilen. Doch das ist ein Fehler.“

Die Richter in Den Haag hielten in ihrem Urteil allerdings ausdrücklich fest, dass kaum ein Zeuge bereit war, gegen den Angeklagten auszusagen. Menschenrechtsgruppen berichten von Einschüchterungen, sogar von einem ungeklärten Todesfall. Sie fordern einen besseren Zeugenschutz – zumal Haradinaj kein Einzelfall ist. Anfang Juli musste das Tribunal auch den ehemaligen Kommandeur muslimischer Polizeitruppen in Srebrenica, Naser Oric, aus Mangel an Beweisen freisprechen. Die „Inkonsequenz“ des Haager Tribunals, sagt Dragoslav Dedovic von der Belgrader Böll-Stiftung, habe „verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Meinung in Serbien“. Die Mehrheit der Bevölkerung sei überzeugt, dass es sich um ein politisches Tribunal handle, das gegen Serbien gerichtet sei. „So ist auf Dauer kein Frieden in der Region möglich“, sagt Dedovic.

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