Zeitung Heute : Anstehen

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Eine Durchsage per Lautsprecher: „Liebe Besucherinnen und Besucher des Fernsehturms. Im Telecafé können wir Ihnen heute keinen Kaffee servieren. Der Automat ist defekt.“ In der Schlange, die sich an mobilen Erinnerungsfoto-Labors vorbeiwindet, geht das Grummeln los. Sofort wird die schlechte Nachricht von Mund zu Mund getragen, bis sie auch den letzten wartenden Touristen draußen vor dem Turme erreicht hat: „No coffee in the air.“ Nun meckern alle: Unverschämtheit! Lächerlich! Alles Provinz hier! Aber keiner geht weg.

Der Charme des Wartens in der Schlange – dumm rumstehen und sich über die höhere Macht beschweren, die eine wichtige Ware verknappt – ist in der globalisierten Konsumgesellschaft, in der jederzeit überall alles zu haben ist, abhanden gekommen. Dabei haben Schlangen bei aller Warterei in der Winterkälte den Vorteil, dass sich hintereinander aufgereihte Fremde wichtige Informationen zustecken. Ich erinnere mich, wie ich als Kind in einer Schlange in Pankow, in der meine Familie nach Orangen aus Kuba anstand (ich wartete hinter meiner Mutter, etwas weiter hinten waren mein Vater und meine Schwester postiert, so konnten wir mehr Orangen kaufen, als uns eigentlich zustanden), in dieser Schlange wurde getuschelt, dass der Kommissar am Kreiskulturhaus bestimmt bei „Horch und Guck“ sei. Fortan war ich vorsichtiger, wenn mich der Kommissar auf der Straße freundlich grüßte; hatte ich doch in einer anderen Schlange aufgeschnappt, dass „Horch und Guck“ irgendwas mit der Stasi zu tun haben musste. Schon als Kind habe ich beim Warten viel gelernt.

Heute gibt es Schlangen nur noch am Reichstag und am Fernsehturm; aber da kommt man als Berliner ja selten hin. Deshalb stelle ich mich morgen in die Berlinale-Schlange am Potsdamer Platz. Einen Kaffee bringe ich mir selber mit.

Berlinale-Schlangen gibt es in den Potsdamer Platz Arcaden, im Kino International und im Haus der Berliner Festspiele.

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