Zeitung Heute : Antarktis: Stürmische Suche nach Shackletons Spuren

Uli Weidenbach

Land in Sicht!" Der Ausruf von der Brücke elektrisiert alle Passagiere: 60 Stunden auf stürmischer See ohne Bodenhaftung gehen zu Ende. Im Licht der taghellen Sommernacht recken sich die vergletscherten Bergspitzen einer Insel aus der funkelnden Wasserschicht 3000 Meter hoch dem Himmel entgegen. Zielsicher manövriert Kapitän Uli Demel das Expeditions-Kreuzfahrtschiff "Explorer" in den einsamen Hafen: Grytviken, Südgeorgien. Nicht Skandinavien oder Osteuropa, sondern eine norwegische Walfangstation in der (Sub-)Antarktis - rostend und verlassen. Seit 35 Jahren ist hier kein Gigant der Meere mehr geschlachtet worden, doch noch immer weht ein Geruch von grausamer Geschichte durch die baufälligen Hallen. Trotz Landgang will sich der aufgewühlte Magen kaum beruhigen.

Beherrscht wird dieses ferne Tor zur Antarktis vom Geist eines legendären Draufgängers, der zum Synonym für Ausdauer und Führungskraft im heroischen Zeitalter antarktischer Entdeckung geworden ist: Sir Ernest Shackleton. Grytviken steht für den Beginn und das Ende eines epischen Überlebensdramas.

Mit einer 27-köpfigen Besatzung setzt Shackleton am 5. Dezember 1914 Segel Richtung Südpol. Seine "Imperial Trans-Antarctic Expedition" will den antarktischen Kontinent erstmalig in seiner gesamten Breite durchqueren - mehr als 3200 Kilometer mit dem Schlitten. Doch auf der Überfahrt wird das Schiff - die Endurance" - im Weddell-Meer vom dichten Packeis eingeschlossen. Die stolze Expedition treibt mehr als neun Monate in diesem frostigen Gefängnis umher - als steuerloser Spielball der Naturgewalten. Wiegende Eisschollen drücken sich durch die Holzplanken der Endurance" - sie sinkt. Als das Eis aufbricht, machen die Männer die drei verbliebenen Rettungsboote seetüchtig und beginnen zu rudern. Gezeichnet von Nässe, Kälte und Unterernährung erreichen sie einen winzigen Küstenstreifen auf der Elefanten-Insel.

Dieser unwirtliche Außenposten der antarktischen Halbinsel bietet keine Aussicht, jemals entdeckt zu werden. Einzige Auswegmöglichkeit: Shackleton und fünf Kameraden müssen die 650 Seemeilen nach Südgeorgien im offenen Rettungsboot schaffen - durch den wildesten Ozean auf dem Globus. Obwohl praktisch chancenlos, erreichen sie die rettende Insel - auf der abgelegenen Westseite. Völlig entkräftet, ohne Bergerfahrung oder adäquate Ausrüstung muss Shackleton mit zweien seiner Männer das schroffe Gletscherlabyrinth in einem 36-stündigen Gewaltmarsch überqueren. Mit letzter Kraft stolpern sie in die Walfangstation. 635 Tage nach dem Aufbruch zu dieser einzigartigen Odyssee können auch alle Seemänner auf der Elefanten-Insel gerettet werden. Auf Shackletons Spuren an Bord der eistauglichen Explorer" ahnen wir, was die Expedition erlitten und geleistet hat - ohne jemals ihr geografisches Ziel zu erreichen.

Heute ist Südgeorgien einer der artenreichsten Erdstriche mit den größten Pinguin-, Robben- und Albatroskolonien. Mühelos bringen uns die Zodiacs aus Hartgummi mit ihren starken Außenbordmotoren zu den Landungsplätzen, wo wir aus nächster Nähe Zeugen der prallen Fruchtbarkeit der Natur werden - zehntausende Königspinguine präsentieren sich den artfremden Besuchern im adretten Anzug. In der Kolonie herrscht Action nonstop": paaren, füttern, schnattern, dazwischen das ohrenbetäubende Gebrüll von Robben und Seeelefanten-Clans. Regungslos sitzen wir im Sand und sind bald umzingelt - einige neugierige Tiere testen die Beschaffenheit unserer Schuhspitzen. Am Fuß eines Eisfelds zeigt sich die traditionelle Zwei-Klassen-Gesellschaft: die erwachsenen Pinguine im schwarz-weißen Frack sind strikt getrennt von der Kinderfraktion. Diese fiebert - noch umhüllt vom braunen Fell - ersten Federn, der Geschlechtsreife und ihrer Beköstigung entgegen. Den Alten ist kein Weg zu weit, um das Gedeihen der Nachkommen zu sichern: Benommen wanken sie aus dem Wasser, der mit Fisch prall gefüllte Wanst stiehlt ihnen das Gleichgewicht. Biologieunterricht aus erster Hand.

Der Anblick des prächtigen Wanderalbatros, gepaart mit animalischen Ausscheidungen, raubt uns den Atem. Nur wenige Meter vom größten, flugtüchtigen Vogel der Erde entfernt erleben wir die ersten Flugversuche des Nachwuchses. Die Flügel mit einer Spannweite von fast vier Metern spreizen sich weit vom Rumpf ab, die sanften Daunen des Jungtiers flattern im Wind, synchron setzen sich Füße und Schwingen in Bewegung. Die erste Flugphase seines Lebens? Noch ist Geduld gefordert. Zunehmend erschöpft schleppt sich der angehende König der Lüfte" den Hang hinauf - zu einem erneuten Anlauf. Ist der Start einmal geglückt, macht er seinem Namen alle Ehre und geht einige Jahre auf Wanderschaft. Am Ende seiner Abenteuerreise kehrt er zum Abflughafen zurück und leistet seinen Beitrag zum Generationenvertrag: Nisten, Aufzucht und Hege der Jungen. Ein ewiger, endloser Kreislauf.

Mit einer kurzen Panorama-Fahrt durch den Drygalski-Fjord verabschiedet sich die Explorer" vom südgeorgischen Freilichtzoo. Eine zehn Meter dicke Eiszunge gleitet wie ein erstarrter Fluss in die Bucht. Unter angestrengtem Ächzen lösen sich bizarre Formationen ab und krachen gellend ins Wasser: Der Gletscher kalbt. Rund um das Element Eis drehen sich auch die nächsten Tage ohne Landgang auf dem kleinen roten Schiff". Von Deck bewundern wir die vorbeitreibenden Eisberge. Vereinzelt ragen grandiose Skulpturen aus dem weitläufigen Wasser, die je nach Form, Beleuchtung und Kompression an einen Weißheitszahn, ein abgelutschtes Halsbonbon oder Eis am Stiel erinnern. Plötzlich wird Kapitän Demel unruhig: "Alle Achtung - da liegt ein ganz schöner Klotz vor uns!" Selbst für den erfahrenen Schiffsführer sind die Ausmaße des tafelförmigen Eisbergs außergewöhnlich: Geschätzte 63 Kilometer lang und 19 Kilometer breit, ragt er 40 Meter hoch aus dem Wasser - doch der weitaus größte Teil dieses massiven Monuments versteckt sich 300 Meter tief unter der Wasseroberfläche.

Eine melancholische Stimmung begleitet das vereiste Naturschauspiel unter bedrohlichem Wolkenhimmel. Die Gedanken sind bei Shackleton und seinen Männern, die in diesen Gewässern ums Überleben ruderten - in einem sieben Meter langen, offenen Holzboot, ohne modernes Radarsystem schutzlos den Eisbrocken und der Gnade des Schottischen Meers ausgeliefert.

Die Romantik erfriert: Point Wild auf der Elefanten-Insel. Unter dem Kommando von Frank Wild ist diese 30 Meter mal 15 Meter kleine Landzunge 104 Tage lang Lebensraum für 22 Schiffbrüchige gewesen - stets überspült von eiskaltem Salzwasser. Behausung: Ein umgestülptes Rettungsboot. Verpflegung: Pinguin- und Robbenfleisch. Beschäftigung: Entwickeln von Überlebensstrategien. Prinzip: Hoffnung. Einsetzende Dunkelheit, ein Schneesturm und der blutige Gebietskampf zweier testosterongeladener Seeelefanten-Bullen passen zur Atmosphäre am wilden Punkt". Ein brutaler Flecken Natur.

Unterhalten von Schwert-, Pott- und Buckelwalen, erreichen wir den Höhepunkt unserer Tour, den ant-arktischen Kontinent. Die abgeschiedene weiße Wüste" ist die trockenste, windigste und kälteste Gegend auf der Erdkugel - und gehört niemandem und jedermann. Yippee!", tönt es plötzlich ausgelassen durch die Stille: Auf Plastiksäcken rutschen ein paar Vermummte eine Eispiste hinunter. Die spontane Rodeltour mit zünftiger Schneeballschlacht ist eine willkommene Abwechslung zur tagelangen Tatenlosigkeit. In den Begleitbooten entführen uns die Guides zu einem Streifzug durch den Paradies-Hafen. Das spiegelklare Wasser reflektiert die umliegenden Bergkuppen im Abendlicht, herumtreibende Eisschollen zwingen zur Slalom-Fahrt. Die enge Bucht ist gepflastert mit majestätischen Werken - ein surrealer Friedhof der Eisberge. Schaffen sie es ins offene Fahrwasser, werden sie zu gefährlichen Hürden für die Navigation. Für Touristen stellt sich nur eine Herausforderung: Diesen Anblick zu konservieren und in die Alltagswelt hinüberzuretten. Ein aussichtsloses Unternehmen.

Die antarktische Peninsula liefert eine Kostprobe der Klimakapriolen am südlichen Ende der Welt. Am frühen Morgen machen Blizzard, Nebel und gefährlich kleine Eistrümmer die Fahrt durch den engen Lemaire-Kanal unmöglich; mittags strahlt die Sonne über dem versteckten Fjord von Port Lockroy. Aus dem ewigen Frost wächst eine dichte Eisdecke einige hundert Meter in den Sund hinein: Anlegen unmöglich. Doch die Motoren des schweren Schiffs wollen nicht stoppen. Was übt denn der Kapitän da für ein Manöver?", zischen aufgeregte Stimmen durcheinander. Souverän rammt er die Explorer" ins Eis - und setzt sie fest. Voller Unverständnis schütteln die zahlreichen Eselspinguine den Kopf. Rasch wird die Treppe hinuntergelassen, behutsam betritt ein Passagier nach dem anderen die eisige Plattform: Die Landungsboote haben Ruhetag. Wir bilden uns ein, inzwischen jedes einzelne Schneekristall identifizieren und Hunderte Eissorten differenzieren zu können. Facetten aus Blau und Weiß beherrschen den magischen Kontinent, je nach Lichteinfall wechseln Schattierungen und Farbnuancen.

Fabelhafte Gletscher, leuchtende Eisberge im tiefgründigen Meer, herausragende Gipfel, dramatische Wolkenbilder am Firmament und die unnachgiebige Küste brennen sich ins Langzeitgedächtnis ein - bevor wir uns in die Turbulenzen der Drake-Passage stürzen.

Entgegen allen Beschreibungen von Orkanen mit Stärke zehn Plus auf der Beaufort-Skala gleichen die 40 Stunden im stürmischsten aller Weltmeere eher einer Schiffschaukel-Fahrt auf dem Jahrmarkt. Die Breitengrade der "Furious Fifties" geben sich friedlich. Dennoch fällt die Vorstellung leicht, wie das Wechselspiel von Wind und Wellen hier wirbeln kann. Auch Shackleton, der "Boss", wäre in diesem offenen Grab(en) verloren gewesen. Unvermittelt taucht die eindringliche Mahnstelle aus dem Geschichtsbuch der Weltschifffahrt auf: Kap Horn. Hunderte von hölzernen Segelschiffen und stählernen Seemännern sind an der Südspitze Südamerikas, wo Atlantik und Pazifik aufeinanderprallen, zum Spielball der Elemente geworden - für immer verschluckt von 30 Meter hohen Fluten. Ein Spruch strömt durch den Sinn, der die Entdeckungsära dieses überwältigenden Erdteils geprägt hat: "In einer völlig ausweglosen Situation, wenn es keine Hoffnung mehr zu geben scheint - falle auf die Knie und rufe nach Shackleton!"

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