Zeitung Heute : Anthrazit mit Nadelstreifen

Die junge Firma Sulfurcell in Adlershof will der Solarenergie mit einer neuen Technologie zum wirtschaftlichen Durchbruch verhelfen

Harald Olkus

Die beiden Geschäftsführer und ein leerer Hallenneubau am Wissenschafts- und Technologiestandort Adlershof sind bislang das einzig Sichtbare der jungen Firma Sulfurcell. Die promovierten Physiker Nicolas Meyer und Ilka Luck wollen dort bis Herbst die Pilotproduktion neuartiger Solarzellen aufbauen. Mit diesen Solarzellen will das Unternehmen maßgeblich dazu beitragen, Solarenergie rentabel zu machen. „Wir wollen Module für Photovoltaik-Anlagen um 50 Prozent günstiger produzieren als es heute möglich ist“, sagt Geschäftsführer Nicolas Meyer. Bislang war diese Form der Energiegewinnung von starker Subventionierung abhängig. Dennoch ist die Nutzung des umweltfreundlichen Solarstroms im großen Maßstab bislang ausgeblieben. Das soll sich künftig ändern: „Der Solarenergie werden in naher Zukunft Wachstumsraten von bis zu 40 Prozent zugeschrieben“, sagt Meyer.

Als weltweit erstes Unternehmen will Sulfurcell Solarmodule aus der Halbleiterverbindung Kupfer-Indium-Sulfid (CIS) herstellen. „Unser Verfahren hat zwei Vorteile“, sagt Ilka Luck: „Statt in jede Solarzelle einen Silizium-Wafer einzubauen, bringen wir auf Glasscheiben eine nur wenige Tausendstel Millimeter dünne Halbleiterschicht auf, die genauso viel Sonnenlicht absorbiert. Damit sparen wir 98 Prozent Material, zwei Drittel der Energie und ein Drittel der Produktionsschritte.“ Die CIS-Module liegen nach Angaben der Firmengründer mit knapp zehn Prozent Wirkungsgrad zwar nur im Mittelfeld „In punkto Energieabgabe erreichen sie aber Spitzenplätze“, sagt Meyer. Eine hohe Leistungsfähigkeit bei höheren Betriebstemperaturen und bei Teilabschattung gewährleiste „einen Energieertrag, der weit höher liegt, als es der Wirkungsgrad suggeriert.“

Die in Laborversuchen am Hahn-Meitner-Institut (HMI) entwickelten Solarzellen bestehen nicht, wie ähnliche, bereits in Baden-Württemberg produzierte Module, aus der Halbleiterverbindung Kupfer, Indium und Selen, sondern setzen innovativ das Naturelement Schwefel ein. Die Fabrikation der Module funktioniert ähnlich wie die Veredelung von Architekturglas, das ja mit verschiedenen wärmedämmenden oder UV-filternden Materialien bedampft wird. „Damit greifen wir auf eine bewährte Technologie zurück und halten das Risiko ausschließlich auf der Materialseite“, meint die Geschäftsführerin Ilka Luck.

„Anthrazit mit Nadelstreifen“, antwortet Nicolas Meyer auf die Frage, wie die neuen Solarzellen denn aussehen werden. Also beinahe schwarze Flächen mit hellen Leitungsbahnen. Sie können als Bauelemente genutzt und in Fassaden oder Dächer integriert werden. Bis Ende des Jahres sollen in der 1200 Quadratmeter großen Produktionshalle in Adlershof 20 Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Anlage hat eine Kapazität von 1,5 Megawatt, was dann einer Glasfläche von rund 20 000 Quadratmetern entspricht.

Nicht nur die beiden Unternehmensgründer sind überzeugt, mit den neuen Solarmodulen enorme wirtschaftliche Erfolge zu erzielen: „Der Anstoß zur Unternehmensgründung erfolgte direkt aus dem HMI“, sagt Meyer. Professor Martha Lux-Steiner hatte aufgerufen, die Technologie zur Anwendung zu bringen. Das HMI wird die Pilotproduktion wissenschaftlich begleiten und arbeitet an der Weiterentwicklung der CIS-Technologie. Darüber hinaus sind zwei seiner führenden Wissenschaftler an Sulfurcell beteiligt. Und auch die Berliner Förderinstitutionen räumen der Neuentwicklung große Zukunftschancen ein: Erst Anfang Juni wurde Sulfurcell von der Investitionsbank Berlin (IBB) als „beispielhaftes Unternehmen“ im Bereich Hochtechnologie präsentiert.

Schließlich engagieren sich auch die Investoren von Sulfurcell auf eine überdurchschnittliche Art und Weise: Sie haben nicht nur Anteile an der Firma erworben, sondern sind auch als Kooperationspartner eingebunden: die Jenoptik-Tochter M+W Zander werde den Aufbau der Produktion unterstützen und der europäische Energiekonzern Vattenfall wolle dem Unternehmen auf der Vertriebsseite beratend beiseite stehen, sagt Meyer. „Solche Business Angel sind für ein neues Unternehmen im Hochtechnologiesektor enorm wichtig“, meint der Geschäftsführer.

Insgesamt unterstützen die Sponsoren und Kooperationspartner das Unternehmen bis zum Jahr 2006 mit 16 Millionen Euro. Dann will Sulfurcell die Solarzellen auf den Markt bringen und die Produktionskapazitäten ausbauen. „So lange wird es vermutlich dauern, um unsere hohen Qualitätsstandards von der Laborsituation auf die Massenproduktion zu übertragen“, sagt Luck.

Sind Unternehmen aus dem Hochtechnologiesektor, die mit innovativen Produkten auf den Markt wollen, von der derzeitigen Wirtschaftskrise also ausgenommen? Kommt es „nur“ auf die richtige Erfindung an? Die Antwort fällt unterschiedlich aus: Ilka Luck weist darauf hin, dass es drei Jahre gedauert hat, bis sie die Finanzierung für die Solarmodul-Produktion beisammen hatten. Unter anderen wirtschaftlichen Vorzeichen – weniger zurückhaltenden Venture-Capital-Gebern zum Beispiel – hätte es weitaus schneller gehen können, meint sie. Meyer betont allerdings, dass die Förderstruktur des Landes Berlin sehr gründerfreundlich sei und dass sie zu jeder Zeit sehr viel Unterstützung gefunden hätten.

Die beiden Jungunternehmer hatten die klassische Gründerlaufbahn beschritten: am Businessplan-Wettbewerb teilgenommen, in der zweiten Stufe auch einen Preis bekommen, dann einen Geschäftsplan geschrieben und Investoren gesucht. Vor allem das Technologie-Coaching-Center (TCC) sei für Kontakte mit Beratern und Finanziers sehr wertvoll gewesen.

Dennoch habe es eines äußerst langen Atems und viel Hartnäckigkeit bedurft, um sich durchzusetzen. Eigenschaften, die die beiden Gründer auch weiterhin brauchen können. Denn nun folgt die nicht minder schwierige Phase, die Herstellung der Solarmodule vom kleinformatigen Laborprozess zur Massenproduktion hin zu überführen.

Sulfurcell, Telefon: 80 62 26 24.

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