Zeitung Heute : Antipodin der Männerfeministen

KATRIN HILLGRUBER

Sabine Kebir, Brecht(frauen)expertinKATRIN HILLGRUBERIn diesen Tagen vor Bertolt Brechts 100.Geburtstag ist Sabine Kebir schwer zu erreichen.Landauf, landab, von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen wird die Brecht-Forscherin aus Lesepassion um Beiträge gebeten.Vor allem mit ihrem Antipoden John Fuegi konfrontiert man sie in der Hoffnung auf ein kerniges Streitgespräch.In Kebirs Augen handelt es sich bei dem amerikanischen Philologen um einen selbsternannten "Männerfeministen".Er gehe von bürgerlichen Ehe- und Glücksvorstellungen aus und bediene mit seiner These von der geistigen und sexuellen Ausbeutung der Mitarbeiterinnen Brechts durch den "Meister" (Stichwort: Tantiemenskandal) neo-liberale Strömungen des Zeitgeists: "Er möchte ein Rezeptionshindernis errichten, und das mit Mitteln, die in der Literaturwissenschaft längst veraltet sind: Diffamierung der Person, moralische Verunglimpfung, wobei viele Sachen an den Haaren herbeigezogen sind, bei halber Zitierung von Quellen." Am meisten kritisiert Sabine Kebir, daß Fuegi Brecht neben Hitler und Stalin als dritte charismatische Figur des 20.Jahrhunderts darstelle, somit als Gegenaufklärer und großen Verführer.Dabei habe Brecht mit der nicht-identifikatorischen Ästhetik seiner Dramen gerade keine blinde Emotionalität angestrebt.Bei diesem Thema könnte die gebürtige Leipzigerin fast in Rage geraten, aber nur fast.Neben zahlreichen Artikeln hat sie zwei Bücher über den Schwerenöter Brecht und seinen kreativen Umkreis veröffentlicht: 1987 die höchst eigenwillige Verteidigungsschrift "Ein akzeptabler Mann? Brecht und die Frauen", die jetzt in einer erweiterten Neuauflage vorliegt.Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ein Buch über die Anregerin und Co-Autorin von Brechts größtem kommerziellen Erfolgsstück "Die Dreigroschenoper": "Ich fragte nicht nach meinem Anteil.Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertolt Brecht". Ihr Sammlertrieb sei noch lange nicht gestillt, sagt Sabine Kebir.Fragen der Intertextualität, dem Phänomen der "Textgeschenke" von und an Brecht will sie weiter nachgehen.Die Publizistin versteht ihn als Kollektivautor, als primus inter pares, dessen Arbeitsweise dem herkömmlichen Geniebegriff widerspreche.Vor allem aber verteidigt sie ihn aus feministischer Sicht.Wie schrieb er doch: "Schon von außen erscheinen Liebende wie Produzierende, und zwar solche einer neuen Ordnung." Hingabe an die "dritte Sache", an den künstlerischen und politischen Auftrag, verband Bertolt Brecht mit geliebten Mitarbeiterinnen wie Ruth Berlau, Marieluise Fleißer oder Margarete Steffin.Letztere wußte auf seine hocherotischen Sonette mit ebenbürtigen Gedichten zu antworten.Brecht habe großen Spaß an der Besonderheit weiblicher Einsicht verspürt, resümiert Sabine Kebir, er habe in erstaunlicher Weise die Kreativität der Frauen herausgefordert.Die tragenden Frauengestalten seines Werkes seien durch den Einfluß der Mitarbeiterinnen entstanden, was bei ihm Sensibilität für die weibliche Sicht auf die Welt vorausgesetzt habe, "die ihm Fuegi nun wieder abspricht". Daß die Frauen in ihren Einzelkarrieren trotz Qualität nur mäßigen Erfolg hatten, wie Elisabeth Hauptmann als Autorin von Hörspielen und Kurzgeschichten, lastet Kebir den ungünstigen Zeitumständen um das Jahr 1933 an sowie der "männerzentrierten Kulturindustrie".Für eine Vicky Baum mit einem unpolitischen Roman wie "Menschen im Hotel" sei es unter diesen Bedingungen zunächst leichter gewesen. Die Beharrlichkeit, mit der Sabine Kebir am Brechtschen Aufdecken gesellschaftlicher Widersprüche festhält, hat mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu tun.1977 wanderte sie mit ihrer Familie in die algerische Heimat ihres Mannes aus.Die Heirat mit einem Ausländer ermöglichte, die DDR legal zu verlassen.Dafür gab sie eine privilegierte Arbeitsstelle als Italianistin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften auf.Die Hoffnung, in dem nordafrikanischen, damals noch sozialistischen Land bessere Bedingungen anzutreffen als in der DDR, verflog bald.Besonders die enorme Jugendarbeitslosigkeit überraschte die Universitätsdozentin: "Da gab es eine Gewaltbereitschaft, die nur noch kanalisiert werden mußte, um dann eine schreckliche Form des Widerstands hervorzubringen, die wir jetzt erleben." Das Ehepaar sah sich ab Beginn der achtziger Jahre Repressionen ausgesetzt - sie als Ausländerin, er als Regisseur, Fernsehmoderator und Autor islamkritischer Dokumentarfilme.Sabine Kebir nahm Kontakt zu autonomen Frauenverbänden auf, neben der Bewegung der Berber die einzige laizistische und demokratische Opposition im Land.Das Bildungswesen sei von Islamisten beherrscht gewesen, die an den Universitäten mit gezielten Aktionen Angst und Schrecken verbreitet hätten.Irgendwann wurde die Situation unerträglich.Die Kebirs kehrten nach Europa zurück, allerdings nach West-Berlin.Auch wenn sie ihr Engagement für die Demokratiebewegung als Niederlage erfuhr, sagt die Brecht-Forscherin heute: "Ich habe eine sehr sinnvolle Phase meines Daseins in Algerien erlebt." Sabine Kebir wird anläßlich der Brecht-Tage heute (20 Uhr) beim "Abend der Biographinnen und Biographen" im Berliner Literaturforum im Brechthaus ihre Thesen vorstellen.

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