Zeitung Heute : Anwältin aus Leidenschaft

Seyran Ates von der Freien Universität mit dem Margherita-von-Brentano-Preis geehrt

Kerrin Zielke

Als Kind erfuhr die deutsche Türkin Seyran Ates Zwang und Gewalt am eigenen Leib. Als Anwältin vertrat sie muslimische Migrantinnen bei Scheidungen oder häuslicher Gewalt vor Gericht. Als Kämpferin für Frauenrechte erhebt sie unermüdlich die Stimme in der öffentlichen Debatte, ob in der Kopftuchfrage, bei Zwangsehen oder bei Ehrenmorden. Die Freie Universität Berlin ehrt das berufliche und persönliche Engagement ihrer Alumna nun mit dem Margherita-von-Brentano-Preis 2006.

Der Frauenförderpreis der Freien Universität bedeute ihr sehr viel, sagt Seyran Ates. „Der Preis hat mir gezeigt, dass das Engagement für Frauen mein Weg ist, und mich bestärkt, diesen Weg weiterzugehen.“ Sie erfuhr von der Zueignung in einer schwierigen Zeit, als sie im Herbst vergangenen Jahres ihre Zulassung als Anwältin zurückgegeben und ihre Kanzlei aufgelöst hatte. Der Druck war zu groß gewesen: Morddrohungen und Anfeindungen aus der muslimischen Gemeinschaft, zudem ein tätlicher Angriff nach einer Gerichtsverhandlung. Seither sind ihr viele Solidaritätsbekundungen und Hilfsangebote zuteil geworden. Diese öffentliche Wertschätzung dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, „dass wir, wo wir loben, einen gesellschaftlichen Missstand zu beklagen haben“, betonte Prof. Dr. Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und derzeitige Präsidentin des Goethe-Instituts, die von 1972 bis 1989 an der Freien Universität lehrte, bei der Preisverleihung am vergangenen Mittwoch: „Wir haben es nicht vermocht, dafür zu sorgen, dass eine sich für Frauen engagierende Rechtsanwältin unerschrocken ihren Berufspflichten nachkommen kann, wie es in einem Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte.“

Für Seyran Ates stand schon mit 15 Jahren fest, dass sie Jura studieren und sich für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzen wollte – trotz und wegen ihres familiären Hintergrunds. Die Eltern wanderten Ende der 1960er-Jahre aus der Türkei als Fabrikarbeiter nach Deutschland aus, die Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Seyran Ates wurde als Kind wegen ihrer guten Deutschkenntnisse von den Eltern und Verwandten häufig zu Behördengängen mitgenommen. „Da konnte ich sehen, wie Menschen, die mehr wissen, umgehen mit Menschen, die weniger wissen“, erklärt Seyran Ates. „Doch nur, wenn man seine Rechte kennt, kann man sie auch in Anspruch nehmen.“

In ihrer Schulklasse war Seyran Ates eine der Besten, wurde Schülersprecherin – und war doch zu Hause „eingesperrt“ von ihren ängstlichen Eltern. Dennoch steht für Seyran Ates fest: „In Deutschland habe ich gelernt, was es bedeutet, frei zu sein.“ Eine Freiheit, die sie freilich gegen ihre Familie erkämpfen musste. Sie zog mit 17 Jahren gegen den Willen ihrer Eltern aus. Heute jedoch lebt sie wieder mit einem Teil ihrer Familie zusammen – so wächst die zweieinhalbjährige Tochter in einer großen Familie auf. Familiensinn sieht sie als einen ihrer wichtigsten türkischen Werte an. Den vermisse sie in Deutschland zuweilen. Außerdem sei ihr „gesunder Patriotismus“, das stolze Eintreten für Werte, türkisches Erbe. Diesen Patriotismus setzt sie allerdings für deutsche Werte ein, für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie: ein paradoxes Ergebnis ihrer transkulturellen Sozialisation.

Vor diesem Hintergrund wendet sich die 43-jährige Juristin gegen unreflektierte „Multikulti-Fanatiker“, die in anscheinend übergroßer Toleranz die Bräuche und Traditionen muslimischer Einwanderer nicht infrage stellen. „Das ist eine Form des Rassismus, weil man so die Menschen, die bildungsfern sind und nicht an der Gesellschaft teilhaben, in ihrer Randposition belässt“, kritisiert Ates.

Sie werde im Sommer wieder als Anwältin tätig werden, sagt sie, entweder in einer großen Kanzlei oder in einer Institution: „Ich bin schließlich Anwältin aus Leidenschaft.“ Das Preisgeld in Höhe von 11 000 Euro möchte sie verwenden, um als Nächstes ein großes Projekt zu beginnen: Sie wird systematisch die Rechtsprechung in Frauen- und Migrationsfragen in Deutschland beleuchten – und ihre praktische Arbeit auch wissenschaftlich unterfüttern.

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