Zeitung Heute : "Anwender sind unzureichend geschult"

FRANK BANTLE

Häufig Probleme mit neuer Software / Interview mit dem Berliner Ergonomie-Experten CakirVON FRANK BANTLE"Jeder der glaubt, daß Software-Ergonomie nicht wichtig ist, sollte sich das Internet anschauen oder in einer fremden Stadt ein Ticket für die S-Bahn lösen", sagt Ahmet Cakir, Chef des Berliner Ergnomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung.Als international tätiger Ergonomie-Berater und Experte für optimale Arbeitsgestaltung bemängelt er insbesondere unzureichende Benutzungsoberflächen und schlecht gestaltete Handbücher.Frank Bantle sprach mit Ahmet Cakir über die Bedeutung von Software-Ergonomie. TAGESSPIEGEL: In der seit 1997 geltenden EU-Verordnung für Bildschirmarbeit finden sich auch Bestimmungen zur "Software-Ergonomie".Warum wurde dieses Thema aufgegriffen? CAKIR: Der europäische Gesetzgeber wollte alle Aspekte der Bildschirmarbeit in den Gesundheitsschutz einbeziehen, insbesondere auch die der Arbeit und der Arbeitsorganisation.Und da steht die Software bestimmend im Mittelpunkt.So kann z.B.eine unzureichende Benutzerführung psychische und physische Belastungen der Beschäftigen bewirken.In Schweden wurde bereits vor über 20 Jahren in einer Untersuchung festgestellt, daß durch schlechte Antwortzeiten und unstete Reaktionen des Computers die Herzbelastung der Benutzer deutlich zunimmt. TAGESSPIEGEL: Was heißt eigentlich Software-Ergonomie? CAKIR: Für uns ist es die "Lehre von der Anpassung eines dialog-fähigen rechnergestützten Arbeitssystems in einem organisatorischen Umfeld an die physischen und psychischen Eigenschaften des Menschen".Prüfstein aller Maßnahmen ist die Gebrauchstauglichkeit der Software, Ausgangpunkt die ergonomische Gestaltung der Benutzungsoberfläche. TAGESSPIEGEL: Welche Folgen ergeben sich für den Anwender, wenn die Software-Ergonomie nicht stimmt? CAKIR: Eine unergonomische Software führt zu Stress, Nervosität und körperlichen Beschwerden.Der Benutzer muß im allgemeinen einen höheren Aufwand treiben, um seine Aufgabe zur Zufriedenheit erledigen zu können.Nicht selten gibt es aber Fälle, wo eine unergonomische Software zu spektakulären Unfällen mit verheerenden Folgen führt.In der Presse heißt es dann meist, diese Unfälle wären durch Fehlhandlungen der Verantwortlichen, seien es Piloten oder Reaktorbedienstete, Stellwerker oder Chemiker, hervorgerufen.Man weiß aber, daß in solchen Fällen sehr häufig unergonomische Software eingesetzt war. TAGESSPIEGEL: Wo liegen die Ursachen für den Stress am Bildschirm? CAKIR: Software im allgemeinen ist nicht schlecht.Im Gegenteil, die Hersteller haben in den letzten Jahren riesige Fortschritte gemacht.Allerdings werden heute zum Teil so komplexe Systeme angeboten, die es möglichst vielen Benutzern und Benutzergruppen gleichzeitig recht machen wollen.Der Anpassungsprozess liegt dann nicht mehr beim Hersteller und Entwickler, sondern wird auf den Anwender verlagert.Und dies, ohne daß er ausreichend darauf vorbereitet ist.Ein weiteres Problem sind oft nur unzureichend durchgeführte Schulungen in den Betrieben.Was zum Beispiel in Handwerksbetrieben Voraussetzung für einen effektiven Umgang mit Werkzeugen ist, erfolgt beim Einsatz von Software - die ja auch eine Art Werkzeug ist - nicht oder nur unzureichend. TAGESSPIEGEL: Was können gestresste PC-Anwender tun, wenn sie Probleme mit der Software habe? CAKIR: Ich rate, erst einmal den Kontakt zu Kollegen zu suchen, die mit ähnlichen Aufgaben betraut sind.Die Probleme sollten dann mit den Verantwortlichen im Betrieb erfaßt und entweder durch interne Maßnahmen behoben werden oder an den Software-Hersteller bzw.Entwickler weitergeleitet werden.Zudem kann sich jeder Betroffene an seinen Betriebs- und Personalrat oder an seinen Arbeitgeber wenden und eine "Arbeitsplatzanalyse" beantragen.Auf alle Fälle sollte man sich nicht selber die Schuld geben.Denn der Computer ist ein Arbeitsmittel, das es bei geeigneter Anpassung erlaubt, persönliche Fähigkeiten optimal zu nutzen und Handicaps auszugleichen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben