Zeitung Heute : Apokalypse

BORIS KEHRMANN

Rudolf Barschai dirigiert die Junge Deutsche PhilharmonieBORIS KEHRMANNWieso eigentlich ist ein Komponist von derart wirkungsvoller Orchestermusik wie Boris Blacher so selten in Konzerten zu hören? Alles, worauf heimatmüde Frankreich-Verehrer unsern Nachbarn jenseits des Rheins ein Monopol einräumen, zeichnet sein rasantes Violin-Konzert von 1948 aus: Witz, Tempo, Eleganz, Leichtigkeit, hellwache Intelligenz und die Gabe urbaner Unterhaltung.Der Autor des Gershwin- und Ravel-nahen Nachkriegs-Opus aus dem Geist des Swing und Tango war allerdings ein Berliner Musik-Professor und Akademie-Präsident.Ist das vielleicht der Grund, warum man ihn so rasch verdrängte? Kolja Blacher, 1.Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, rehabilitierte als Solist des Festwochen-Konzerts der Jungen Deutschen Philharmonie in der Philharmone das Werk seines Vaters und bewies mit unglaublicher Fingerfertigkeit und frecher Widerborstigkeit, daß kein Stäubchen Fünfziger-Jahre-Mief die fetzige Partitur trübt. Der russische Dirigent Rudolf Barschai ist in Berlin bereits als singulärer Mahler-Interpret bekannt, der die Inhalte der sinfonischen Fin-de-siècle-Diagnosen auf atemberaubend natürliche und lakonische Weise hervortreten läßt.Umso gespannter war man auf seine Erhellung der uneinheitlichen fünften Sinfonie von Mahler.Das berühmte Adagietto wurde als Liedvortrag gedeutet: die Harfe akkompagnierte wie ein zartes Klavier den traurigen Gesang der Streicher.Das Rondo-Finale zog sich in die Länge.Mahlers Versuch, die musikalische Welt nach der Apokalypse mit einem simplen historischen Rückgriff auf Wagners "Meistersinger"-Fugen wieder einzurenken, bleibt akademisch trocken.Umso zwingender entwickelte Barschai die Apokalypse aus dem soldatischen Stiefeltritt eines "Trauermarsches", der direkt in den Krieg und schließlich zur katastrophischen Entladung eines mindestens fünffachen Fortissimo-Schlages von der Gewalt eines Atomblitzes führte.Kleine Intonationstrübungen, die sich bei den jugendlichen Musikern der Jungen Deutschen Philharmonie nach fünf aufreibenden Tourneestationen von Amsterdam bis Moskau einschlichen, konnten der überwältigenden Überlegenheit von Barschais Konzept keinen Abbruch tun.

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