Zeitung Heute : Appell an Momo

Langsamer leben, vierter und letzter Teil: Kann man lernen, sich die Zeit besser einzuteilen? Zwei Erfahrungen

Verena Mayer

An der Tür klebt ein Plakat mit einem Männchen, das von einem riesigen Buch erschlagen wird. „Herzlich willkommen“ ist mit schwarzem Edding darunter gekrakelt. In dem Raum selbst sieht es aus wie in einer Krabbelgruppe. Auf dem Boden liegen Bälle und buntes Papier, rundherum sind Stühle im Kreis aufgestellt. Auf den Stühlen sitzen Erwachsene.

Für sie ist es nun Zeit, das Alphabet nachzuturnen. Zwei Frauen in mittleren Jahren stehen auf und gehen vor die Tür, um zu üben. M und Z sind schwierig, die eine schnauft ein wenig, die andere trägt einen Hosenanzug, der spannt beim M. Es ist ein grauer Winternachmittag in einem Berliner Hotel. Die Tagungsräume tragen Namen wie „Nikolai Viertel“ oder „Potsdamer Platz“. Die Frauen gehen zurück in den „Reichstag“ und führen ihre Buchstaben vor. Sie sind Teilnehmerinnen eines Seminars für Zeitmanagement. Sie wollen lernen, was eigentlich alle können sollten, die meisten aber nie schaffen werden: sich die Zeit richtig einzuteilen. 950 Euro haben sie dafür bezahlt.

Hubert Seidel, der Seminarleiter, verteilt einen Hochglanz-Folder mit Tabellen, und schnurrt das Programm herunter: „Erstens Selbsttest und Ist-Analyse, also wie man sich selbst sieht, wo liegen die Probleme. Zweitens Lernpartnerschaften, Gruppenarbeit, wir rekapitulieren einen normalen Arbeitstag und versuchen, private und berufliche Ziele zu formulieren und umzusetzen.“ Seidel ist ein dunkelhaariger Vierziger im grauen Jackett, gelernter Kaufmann, nebenberuflich Psychologe. Wenn man ihn etwas fragt, sieht er einen erst lange und durchdringlich durch seine runde schwarze Brille an, dann sagt er: „Das muss bei mir jetzt erst mal tickern.“ Es folgt eine Antwort, die Formulierungen wie „priorisieren“ oder „Work-Life-Balance“ enthält, es ist die Sprache eines Marktes, auf dem derzeit sehr viel Geld zu verdienen ist.

Ratgeber für Zeitmanagement oder Selbstmanagement, wie es neuerdings heißt, boomen, Bücher, Kurse oder Internetseiten. Anfang der 80er Jahre fing alles an, als es mit den Yuppies losging und jeder noch schneller werden wollte. Seit die Rezession ins Land gezogen ist, seit Betriebe geschlossen werden oder, andersrum, die Leute auch die Arbeit ihrer entlassenen Kollegen verrichten müssen, hat die Branche noch einmal einen kräftigen Schub bekommen. Wahllos herausgegriffen: das Berliner Team, einer der Marktführer in Deutschland. 1997 begann die Firma, Seminare anzubieten, in denen man in einem Klettergarten Teamentwicklung lernen konnte. Inzwischen veranstaltet das Berliner Team, das für Unternehmen wie die Berlin Hyp, die Deutsche Telekom oder Daimler Chrysler gearbeitet hat, auch Kurse für Zeitmanagement. 2005 betrug die Nachfrage bereits das Fünffache von der des Jahres 2003.

Auch Seminarleiter Hubert Seidel wird immer öfter gebucht. Inzwischen ist Mittagspause im Zeitmanagement-Seminar, die Teilnehmer stehen um das Hotelbüfett herum und klatschen sich Nudeln auf die Teller, die meisten in mittleren Jahren, alle mit Angestelltenbiografien, die einander zum Verwechseln ähneln. Personalbüros, Chefsekretariate, Verkaufsabteilungen in Banken oder Pharmafirmen kommen da vor. Und viel Stress.

Wenn sie über ihre Arbeit sprechen, hat man das Gefühl, sie reden über eine Hydra. Ein Wesen, das immer größer wird, je stärker man es angreift; ein Mittdreißiger hat nach einer Firmenfusion so viel zu tun, dass er abends nicht nach Hause kommt. Es ist schon eine merkwürdige Welt. Auf der einen Seite stehen viereinhalb Millionen Arbeitslose, auf der anderen Leute, deren Arbeitgeber jedes Jahr Tausende von Euro ausgeben, damit sie gesagt bekommen, wie sie die viele Arbeit bewältigen. „Meine Hoffnung ist es, ein Instrument zu bekommen, Zeit zu sparen und mein Zeitvolumen zu vergrößern“, sagt eine der Frauen, die die Buchstaben dargestellt haben. Es klingt wie ein Appell an Momo, ihr endlich die gestohlene Zeit zurückzubringen.

Einen halben Tag hat sie mit den anderen nun kleine Spiele gemacht oder mit Bällen geworfen. Weil Arbeitsalltag ja etwas vom Jonglieren habe, sagt Seidel mit einem tiefgründigen Blick durch seine Brille. Da klebten bunte Papiere an der Wand, auf denen steht, dass man öfter Nein sagen muss. Dass man Checklisten-Listen anlegen soll und bunte Mappen für Unerledigtes. Es wurden ihnen die Smart-Kriterien zur Zielformulierung (spezifisch, messbar, aktionsorientiert, realistisch, terminierbar) an den Kopf geworfen und die Alpen-Methode, einen Tag zu planen (alles aufschreiben, Länge schätzen, Pufferzeiten einplanen, entscheiden, Nachkontrolle).

Wenn so ein Seminar etwas kann, dann jeden noch so banalen Ablauf benennen. Aufräumen heißt Papierkorb-Management, ein Terminkalender Management by Zeitplanbuch. Freie Zeit ist ein Termin mit sich selbst, Nachdenken ein Erfolgskontroll-Termin mit sich selbst. Nach zwei Tagen mit solchen Begriffen hat man nicht mehr Zeit, aber der Begriff scheint plötzlich seine Irrationalität verloren zu haben. Er ist zurecht geredet zu etwas, das man unter Kontrolle bringen kann.

Auch Susanne Grätsch, Geschäftsführerin des Berliner Teams, verwendet viele solcher Begriffe. Sie ist eine schmale Frau mit langem Haar, die kein Problem damit hat, sich selbst zu analysieren. Sie hat zwei kleine Kinder und so viel gearbeitet, dass sie eines Tages zusammengebrochen ist. 41 Grad Fieber, Lungenentzündung, Krankenhaus, aber zum Assessment-Center habe es sie trotzdem noch getrieben, erzählt sie. Jetzt will sie anderen Leuten vermitteln, dass so was nicht notwendig ist. Sie sagt, dass man seine „inneren Treiber“ erkennen müsse. Und vor allem: dass dringend nicht gleich wichtig sei. „Wenn der Bauer nicht ausgesät hat, weil es nicht dringend war, dann wächst nichts.“ Steht so was Ähnliches nicht auch in der Bergpredigt?

Der Papst der Szene ist der Autor und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher. Sein Zeitmanagement-Ratgeber „Simplify your life“ hat sich in Deutschland mehr als eine Million Mal verkauft, das Buch ist in der 15. Auflage. Inzwischen gibt es einen riesigen Simplify-Zirkus, mit jeder Art von Merchandising und unendlich vielen Auftritten. An diesem Abend hält er einen Vortrag in einem Berliner Hotel. Der ist eigentlich Teil einer Seminarreihe für Manager und kostet 69 Euro Eintritt. Doch das Publikum ist der Bevölkerungsquerschnitt, wie man ihn in jedem ICE antrifft. Und es sind Hunderte.

Werner Tiki Küstenmacher, um die 60, ist der Typ Mensch, den man sich als Nachbarn wünscht, wenn man sich ausgesperrt hat. Auf joviale Art gelassen und absolut überzeugt von sich selbst. Küstenmacher, studierter Theologe, hat in 15 Jahren 70 Bücher und Broschüren geschrieben. Mehr noch als das Zeitmanagement-Seminar ähnelt „Simplify your life“ dem, was Mutter sagen würde, wenn man sie um Rat fragte. Es geht darum, Papier nicht auf den Boden zu schmeißen. Dass man sich Weihnachten nicht stressen lassen soll und öfter mal gesund essen. Und es geht um Zeit. Küstenmacher sagt, dass es in der Natur des Menschen liege, Zeit als zu kurz zu empfinden. Wenn man Leute in Räumen ohne Tageslicht festhält, würden sie, wie Experimente gezeigt haben, immer einen Rhythmus entwickeln, der länger als 24 Stunden ist. „Man kann also nicht die Zeit vereinfachen, man kann nur sich selbst vereinfachen“, sagt Küstenmacher. Das Publikum hängt an seinen Lippen.

Küstenmacher stellt sich an den Projektor und zeichnet Strichmännchen. Einen Mann und eine Frau, die fern voneinander auf zwei Inseln sitzen, aber wenn man die Inseln miteinander verbindet, ergibt das ein Herz. Anerkennende Seufzer im Saal. Küstenmacher sagt, dass man sich die Zeit als Garten vorstellen soll, den man bearbeitet, und nicht als Ungeheuer, das einen fressen will. Er sagt Sätze wie: „Man schaut immer nur auf den eigenen Mangel, dabei sind wir gesegnet.“ Küstenmacher hat viel von einem Prediger.

Früher gab es die Religion, die einem vorgeschrieben hat, was man an welchem Tag zu tun hat, was man essen und wie man leben soll. Heute sind die Kirchen leer, dafür strömen die Leute in Vorträge über Zeit- und Selbstmanagement, wo ihnen gesagt wird, wie sie ihren Alltag ordnen sollen. Der Vortrag über Zeitmanagement ist ein Anlass, nach Erlösung zu suchen oder zumindest ein wenig Erbauung. Die Menschen erfahren, dass eine Raupe nicht versuchen soll, sich zu einer besseren Raupe zu reformieren, sondern dass in ihr ein Schmetterling steckt.

Nach eineinhalb Stunden ist der Vortrag zu Ende. Küstenmacher beginnt, Bücher zu signieren. Eine lange Schlange bildet sich. Küstenmacher fragt jeden, was er als Widmung schreiben oder ob er etwas zeichnen soll. Eine junge Frau in Jeansjacke sagt: „Bitte die Raupe, die ein Schmetterling wird.“ Küstenmacher zeichnet. Die Frau sieht glücklich aus.

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