Zeitung Heute : Appetit auf Schule

Moritz Honert

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hat eine bessere Verpflegung an deutschen Schulen gefordert. Woran mangelt es bei der Versorgung der Schüler?


Sie werden satt, aber nicht unbedingt gesund. Jedes sechste Kind in Deutschland ist übergewichtig. Jedes vierte kommt ohne Frühstück in die Schule. Und was es dort bekommt, entspricht häufig nicht den „Empfehlungen für gesunde Ernährung“. Zu diesem Fazit kommt eine Untersuchung des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen zur Situation der Schulverpflegung in Deutschland.

Die Frage nach der richtigen Schulverpflegung wird allerdings immer wichtiger. Im Schuljahr 2008/09 soll bereits ein Viertel aller Lehreinrichtungen ein Ganztagsangebot haben – und damit die Aufgabe, den Schülern ein Mittagessen zu servieren. Im Land Brandenburg wird schon jetzt an mehr als 96 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen ein warmer Mittagstisch angeboten.

Eine einheitliche Regelung, was die Qualität der Schulverpflegung angeht, existiert nicht, wie die Verbraucherzentralen jetzt kritisieren. Ebenso fehlten in den Schulgesetzen vieler Bundesländern verbindliche Vorgaben für das Schulessen. Auch empirisch sei der Bereich kaum erfasst. Verlässliche Informationen über die Zahl der Kioske, Automaten und die Mittagsverpflegung lägen genauso wenig vor wie darüber, wie viele der mehr als zwölf Millionen Schüler ein Verpflegungsangebot wahrnehmen.

In anderen europäischen Ländern sind einheitliche Verordnungen für die Schulverpflegung dagegen längst Realität. In England und Schottland beispielsweise gibt es Vorschriften für eine „gesundheitsförderliche Ernährung“. Seit 2006 dürfen dort an Schulen weder Schokolade noch Limonade verkauft werden. Der Verkauf von Softdrinks ist auch an französischen Schulen tabu. Dort wird die Schulverpflegung darüber hinaus mit Ernährungsunterricht gekoppelt. Gleiches geschieht in Finnland, wo wie in Schweden bereits seit 2001 verbindliche Standards existieren. Portugal, das eine der höchsten Raten übergewichtiger Kinder aufweist, schickt seit 2006 in jede Schule einen Gesundheitsassistenten, der bei der Auswahl der Mahlzeiten berät und das Automatenangebot überprüft.

Eine einheitliche Regelung in Deutschland zu etablieren, dürfte jedoch schwierig werden. Bildungspolitik ist hier, anders als meist im europäischen Ausland, Aufgabe der Länder. Erschwerend kommt hinzu, dass bisher nur die jeweiligen Schulträger für die Schulverpflegung verantwortlich sind. „Auf Bundesebene können nur Standards entwickelt werden“, sagt Carel Mohn, Sprecher des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. „Deren Umsetzung muss jedoch freiwillig geschehen.“

Einen Katalog solcher Standards hat der Bundesverband der Verbraucherzentralen nun erarbeitet. Dieser sieht vor, dass die Länder in ihre Schulgesetze die Verpflichtung der Schulträger für eine gesundheitsförderliche Ernährung aufnehmen und eine Deckung von Bildungsinhalten und tatsächlichem Lebensmittelangebot gewährleisten sollen. Darüber hinaus wäre die Einführung eines Qualitätssiegels für Caterer wünschenswert, wie es in der Schweiz bereits existiert, sowie eine regelmäßige Überprüfung der Schulverpflegung durch das Bundesverbraucherministerium. „Was wir brauchen, ist eine Gesetzgebung, die klare ernährungsphysiologische Vorgaben gibt und die Verpflegung als Teil des schulischen Angebots festschreibt“, sagt Michael Jäger von der Berliner Vernetzungsstelle Schulverpflegung.

Berlin ist bereits jetzt auf einem guten Weg. 2003 entwickelte die Vernetzungsstelle die „Berliner Qualitätskriterien“, die inzwischen in zehn von zwölf Bezirken in die Ausschreibungen für Schulcaterer aufgenommen wurden. Sie sehen vor, dass auf Fertiggerichte und Formfleisch verzichtet wird, Pommes Frites und Paniertes selten serviert werden und mindestens zehn Prozent des Etats für Fleisch für solches aus artgerechter Haltung ausgegeben werden sollen.

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