Zeitung Heute : Apple Design

Anfangs entwarf er Kloschüsseln – heute leitet Jonathan Ive ein Geheimlabor

Christoph Koch

Es sind die kleinen Dinge, die ihn begeistern, an denen er sich festbeißt. „Sehen Sie dieses Licht, das blinkt, wenn Sie das iBook zugeklappt haben?“, fragt Jonathan Ive den Journalisten in einem seiner sehr seltenen Interviews mit einer britischen Zeitschrift. „Es blinkt nicht hektisch wie ein normales LED-Lämpchen. Es geht langsam an und aus, im selben Rhythmus wie der menschliche Atem.“ Der 38-Jährige mit dem muskulösen Oberkörper und den kurz geschorenen Haaren redet nicht gerne. Nur seine Kreationen bringen ihn auf Touren: „Und das Beste ist: Wenn Sie den Computer benutzen, sehen Sie gar nicht, dass an dieser Stelle überhaupt ein Lämpchen ist. Weil man es nicht sehen muss, wenn es nicht leuchtet.“

Jonathan Ive ist Chefdesigner der kalifornischen Computerfirma Apple und seit Jahren nicht nur für das Aussehen der iMacs, iBooks und Powerbooks verantwortlich, sondern auch für den Siegeszug des iPod. Anfang Januar wurde Ive sogar von der britischen Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen und darf von nun an den Titel „Commander of the Most Excellent Order of the British Empire“ führen. Aber selbst ein solcher Titel kann nur annähernd dem gerecht werden, was Ive vollbracht hat: Er hat es geschafft, technischen Geräten eine menschliche Aura zu verleihen.

Bevor er 1997 den ersten iMac entwickelte, waren Computer hässliche Rechenmaschinen, eckige graue Kästen. Seit Jonathan Ive die Applerechner entwirft, ist Ästhetik plötzlich ein wichtiger Faktor bei der Kaufentscheidung geworden. Manche sagen, er habe die Männerwelt der Computer weiblicher gemacht; habe gezeigt, dass es nicht nur auf Rechenleistung und Speicherplatz ankommt, sondern auch auf Schönheit und Simplizität. Er habe eben bewiesen, dass man Computer nicht als Feind, sondern auch als Einrichtungsgegenstand begreifen kann.

Studiert hat der gebürtige Londoner im nordenglischen Newcastle, anschließend gründete er das Designstudio „Tangerine“ und entwarf dort vom Fernseher bis zur Kloschüssel fast alles. Als Apple ihn 1992 nach Kalifornien holte, blieb sein Einfluss dort jedoch jahrelang gering. Erst als der heutige Firmenchef Steve Jobs nach einer längeren Abwesenheit 1997 zum Unternehmen zurückkehrte, fand er Ives Entwürfe in der sprichwörtlichen Schublade – und war von ihrer Radikalität so begeistert, dass er Ive mit den wichtigsten Aufgaben betraute und ihn später zum Vizepräsidenten und Designchef machte.

Jobs soll Ive völlig freie Hand gelassen haben – so führte die Recherche für die bunten, halb transparenten iMacs der ersten Generation den Designer zu zahlreichen Süßigkeitenherstellern, wo er sich zeigen ließ, wie Gummibärchen und andere Fruchtgummileckereien hergestellt werden. Es lohnte sich: Denn kaum war der bonbonbunte iMac auf dem Markt, kamen plötzlich vom Wasserkocher bis zum Telefon hunderte Geräte in ähnlichem Design auf den Markt. Genauso wie der minimalistisch weiße Look der neuen iMacs und iBooks heute von Produktdesignern auf der ganzen Welt kopiert wird.

Stolz ist Ive vor allem auf zwei Produkte aus seinem Geheimlabor: den iPod und das Powerbook. Der schlanke MP3-Spieler wird inzwischen mehr als 100 Mal pro Minute verkauft und hat dafür gesorgt, dass niemand mehr „mein MP3-Spieler“ sagt, sondern nur noch „mein iPod“. Das Powerbook, von dem Apple-Chef Steve Jobs diese Woche in San Francisco den noch flacheren, noch schnelleren Nachfolger Macbook Pro vorstellte, ist so etwas wie die Königsklasse der Notebooks.

Jonathan Ive ist meist dabei, wenn sein Chef Steve Jobs seine neuen Produkte der Welt präsentiert, verdrückt sich anschließend aber schnell, wenn das Licht angeht und die ersten Leute ihn erkennen. Er möchte auch unbedingt vermeiden, dass allzu viel über sein Privatleben geredet wird, die wenigen bekannten Details sind schnell erzählt: Er lebt mit seiner Frau, einer Schriftstellerin, im Ortsteil Twin Peaks in San Francisco. Er ist mit dem britischen Modedesigner Paul Smith befreundet und lässt sich von ihm aus der Heimat mit Musik und britischen Fernsehserien versorgen. Er trägt fast ausschließlich Turnschuhe, Jeans und einfarbige dunkle T-Shirts. Die einzige Extravaganz, die er sich gönnt, ist ein Aston Martin, mit dem er manchmal auf den Apple-Campus im kalifornischen Städtchen Cupertino fährt, wo er mit einem zehnköpfigen Team an den Geräten von übermorgen arbeitet. Über die Identität seiner Mitarbeiter erfährt man von Apple nichts.

Überhaupt ist an Ives Labor so gut wie alles geheim: Durch die getönten Fenster kann niemand von außen hereinschauen. Nur einzelne Kollegen haben Zutritt zum Design-Hochsicherheitstrakt, aus dem meist Beats von Outkast oder Missy Elliot dröhnen – und falls ausnahmsweise doch mal Besuch zugelassen wird, decken Ive und seine Mitarbeiter große weiße Laken über alle Modelle und Studien, an denen sie gerade tüfteln.

Darauf ist Jonathan Ive auch stolz: dass sein Labor als die lauteste Abteilung des Konzerns gilt.

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