Zeitung Heute : Apple feuert den dritten Chef seit 1993

Von einer finanziellen Krise in die andere / Eine Milliarde Mark Verlust im 1.Quartal VON WALTER PFAEFFLE / PETER BAUER (dpa)Der Computer-Hersteller Apple schlittert von einer Krise in die andere.Der jüngste Paukenschlag kam in der Nacht zu gestern mit dem plötzlichen Ausscheiden von Apple-Konzernchef Gilbert F.Amelio.Ihn hatte Apple erst vor eineinhalb Jahren von der National Semiconductor abgeworben, wo er einen Fast-Bankrott verhindert hatte.Bei dem Unternehmen im kalifornischen Cupertino schaffte Amelio jedoch trotz Anwendung altbewährter Sanierungskonzepte mit Massenentlassungen, Betriebsschließungen und einer Durchforstung der Produktpalette keine rasche Rückkehr in die Gewinnzone.Stattdessen weist Apple weiterhin Riesenverluste aus und leidet unter starken Umsatzrückschlägen.Deshalb mußte Amelio jetzt den Hut nehmen.Der 54jährige ist der dritte gefeuerte Spitzenmanager seit vier Jahren.John Sculley mußte 1993 gehen, der Deutsche Michael Spindler 1996.Die Kündigung läßt erneut Zweifel an der Überlebensfähigkeit der Firma aufkommen. Das Hauptproblem für den PC-Hersteller ist der unaufhaltsame Vormarsch der sogenannten "Wintel"-PC mit Intel-Chips und Windows-Betriebsssystemen von Microsoft.Sie haben inzwischem mehr als 90 Prozent globalen Marktanteil.1996 kam Apple weltweit nur noch auf einen Anteil von 5,2 Prozent ­ nach fast 15 Prozent Mitte der 80er Jahre.Der einst uneinholbar scheinende technologische Vorsprung mit dem Macintosh-Betriebssystem war durch das benutzerfreundliche "Windows 95" verschwunden.Schätzungsweise 20 Millionen Menschen benutzen weltweit Macintosh-Geräte und Software. Jetzt soll Steven P.Jobs, der Apple-Mitbegründer, eine prominente Rolle als Berater des Apple-Spitzenmanagments erhalten.Er hatte im Dezember seine Software-Firma Next Software für 400 Millionen Dollar an Apple verkauft, und war gleichzeitig Berater Amelios geworden.Mit Hilfe der Next-Software will Apple ein neues Betriebssystem unter dem Namen "Rhapsody" herausbringen, das erstmals auch Intel-Chips verwenden kann.Als Nachfolger Amelios ist Jobs jedoch nicht im Gespräch. Vor 21 Jahren läuteten Steve Jobs und Steven Wozniak das PC-Zeitalter in einer Garage in Cupertino ein.Der Perfektionist Jobs hatte Apple Anfang der 80er Jahre zum größten PC-Hersteller der Welt gemacht.Er holte sich 1983 John Sculley, den früheren Pepsi-Präsidenten, um ein professionelleres Management aufzubauen.Ein Jahr später kam der erste Apple-Macintosh auf den Markt.Sculley drückte Jobs 1985 nach einem Machtkampf aus dem Unternehmen.Er trieb die weltweite Expansion voran.Er verpaßte es aber, durch rechtzeitige Lizenzvergabe des Macintosh-Betriebssystems an andere PC-Hersteller die Marktbasis der Macintosh-Modelle zu verbreitern.Sculley mußte 1993 wegen hoher Verluste den Hut nehmen. Sein Nachfolger Michael Spindler begann 1993 ebenfalls mit Massenentlassungen und trieb zunächst mit billigen Heimcomputern den Absatz in die Höhe.Er verlor jedoch seinen Posten im Februar 1996 an Amelio, weil Apple zunehmend in Schwierigkeiten kam.In den letzten Jahren interessierten sich IBM, Sun Microsystems und Oracle-Chef Larry Ellison für eine Übernahme von Apple, doch wurden die Kaufpläne nie realisiert.Der Apple-Aktienkurs hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als halbiert und ist unter 14 Dollar gefallen. In dem am 31.März abgeschlossenen 1.Quartal 1997 verzeichnete Apple 708 Millionen Dollar Verlust.Damit hat die Firma seit Amelios Eintritt 1,6 Milliarden Dollar Defizit ausgewiesen.Im letzten Dreimonatsabschnitt, der am 30.Juni zuende ging, wird ein Verlust von weiteren 100 Millionen Dollar erwartet. Die kurze Geschichte der Firma mit dem kleinen Apfel HaErst gut 20 Jahre ist es her, daß Steven Wozniak und Steve Jobs in einer Garage ihr Unternehmen gründeten.Startkapital war ein alter VW.1976 stellten sie den "Apple 1" vor, einen Mikrocomputer in einem Holzgehäuse.Mit dem Nachfolger "Apple 2" (1977) und der Mikrocomputerfamilie Macintosh begründete das Duo den Weltruhm der Firma.1980 gingen Wozniak und Jobs mit ihrer Garagengründung an die Börse und wurden damit schlagartig Millionäre: Es wurden 4,6 Millionen Aktien zu 22 US-Dollar verkauft.Kurz danach kam der erste Mißerfolg: Der "Apple 3" mußte 1983 wegen technischer Mängel zurückgezogen werden.1985 wurde die Produktion von "Lisa" mit grafischer Benutzeroberfläche eingestellt, da sich das System wegen des hohen Preises nicht verkaufen ließ.Anfang der 90er Jahre konnte Apple mit seinen Macs wieder Marktanteile gegenüber den IBM-Kompatiblen PC zurückgewinnen ­ ohne damit jedoch Gewinn zu machen.Nach den finanziellen Turbulenzen 1992 wurde Präsident Sculley entlassen; 1996 wurde Nachfolger Spindler gefeuert.

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