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Arabische Menschenrechtlerin Manal al Sharif : Diese Frau will ans Lenkrad

23.12.2012 00:15 UhrVon Interview: Esther Kogelboom
Manal al Sharif kämpft für das Recht auf den Führerschein Foto: privatBild vergrößern
Manal al Sharif kämpft für das Recht auf den Führerschein - Foto: privat

Manal al Sharif, 33,ist IT-Spezialistin und Menschenrechtlerin aus Riad.„Newsweek“ zählt sie zu den mutigsten Frauen der Welt,„Time“ zu den wichtigsten Persönlichkeiten 2012.Sie kämpft für die Gleichberechtigung von Frauen in Saudi-Arabien– nicht nur am Steuer. Manal al Sharif hat einen Sohn.

Frau al Sharif, das Jahr 2012 begann für Sie mit Ihrer Todesnachricht. Der britische „Guardian“ meldete zeitgleich mit dem „Independent“ am 23. Januar: „Frau, die sich Fahrverbot widersetzt, stirbt bei Autounfall“. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich kam morgens wie immer zur Arbeit und setzte mich an meinen Schreibtisch. Das Telefon klingelte – es war der CEO. Ich dachte, Moment, der Chef des Chefs des Chefs? Und ahnte schon, dass etwas nicht stimmte. Ich war ja in dem saudischen Unternehmen nur ein kleines Licht. Er erklärte dann, was er online gelesen hatte, und wollte wissen, ob mit mir alles in Ordnung sei.

Ich knallte sofort den Hörer auf und rief meine Mutter an: „Mama, wenn du denkst, ich sei tot, es stimmt nicht. Ich lebe!“

Wissen Sie, wer die Nachricht lanciert hatte?

Das muss jemand bei der saudischen Nachrichtenagentur SPA gewesen sein. Die arabischen Medien haben das weiterverbreitet, zusammen mit einem Foto von mir und einem Kommentar wie: Das geschieht ihr recht. So etwas passiere eben, wenn Frauen sich ans Steuer setzen.

Aus westlicher Perspektive klingt das recht einfältig.

Ja. Ich finde es bedrohlich, dass diese Leute imstande sind, Lügen über mich zu verbreiten, und die britische Presse druckt es einfach nach. Das ist doch verrückt! Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, eines Tages mit solchen Dingen konfrontiert zu sein.

In Saudi-Arabien, dem weltgrößten Erdölexporteur, dürfen Frauen noch nicht Auto fahren. Wenn Sie sich fortbewegen wollen, müssen Sie einen Chauffeur anstellen oder einen männlichen Verwandten bitten. Das ist doch ein ungeheurer Aufwand.

Natürlich. Mein Bruder hat manchmal keine Lust, mich zu fahren. Und unter den privaten Chauffeuren gibt es auch komische Typen. Einer hatte den Rückspiegel absichtlich so eingestellt, dass er mich genau beobachten konnte. Ein anderer ließ mich einfach stehen, als ich wenige Minuten nach der verabredeten Zeit erschien. Das sind so Momente, in denen du ohnmächtig bist.

Vergangenes Jahr haben Sie sich von einer Freundin beim Autofahren filmen lassen und den Clip bei Youtube hochgeladen. Ziemlich mutig: Sie ließen keinen Zweifel an Ihrer Identität. Wie haben Sie eigentlich Autofahren gelernt?

Mein Bruder hat einen Schnellkurs mit mir gemacht, nachdem ich mir meinen Cadillac SRX gekauft hatte.

Oh, interessante Wahl!

Geld war für mich persönlich nie das Problem, ich hatte ja als IT-Fachfrau einen guten Job und lebte innerhalb eines Firmen-Compounds – einer eingezäunten Gemeinschaft, in der eigene Regeln gelten. Frauen dürfen dort zum Beispiel die Abiyah, den Ganzkörperschleier, ablegen, in den Pool springen und sich auch ans Steuer setzen. In den Compounds wohnen viele Leute aus anderen Ländern.

Klingt eigentlich ganz komfortabel.

Ja, wenn nicht auf der anderen Seite des Schlagbaums die Luft so dünn wäre, dass man kaum atmen kann.

Bis heute ist Ihr Youtube-Clip 159 000 Mal angeklickt worden. Und da hatten Sie wirklich keinen Schimmer, was auf Sie zukommen könnte?

Nicht in diesem Maße. König Abdullah hatte ja bereits vergangenes Jahr in einem Fernsehinterview angekündigt, das Fahrverbot zu lockern – doch es ist nichts passiert. Das Autofahren ist ja nur ein Symbol für das, was meine Freundinnen und ich erreichen wollen: vollständige Bürgerrechte. Wir wollen endlich Chancengleichheit. Eigene Personalausweise, ein funktionierendes Familiengericht, eigene Konten, Zugang zu allen Studiengängen und Jobs. Unsere Männer sollen nicht länger die Vormundschaft über uns haben: Als Frau bist du ganz oft die Letzte, die erfährt, dass dein Mann sich gerade von dir scheiden lässt.

Das ist Ihnen auch passiert?

So ungefähr, ja. Über Einzelheiten mag ich in der Öffentlichkeit nicht reden. Nur so viel: Die Scheidungsrate in Saudi-Arabien beträgt 60 Prozent. Unsere Männer hätten am liebsten, wenn wir wie ihre Mütter wären, „Yes, Sir“ sagen und für alles um Erlaubnis bitten. Ich kenne aber kaum eine Frau, die noch so ist. Erst am Tag meiner Scheidung erkannte ich, dass ich nicht auf der Welt bin, um anderen zu gefallen. Ich habe die Entscheidung gefällt, glücklich und mutig zu sein.

Ihrem Mut verdanken Sie neun Tage Haft und viele Verhöre. Unter welchen Umständen sind Sie festgenommen worden?

Mein Bruder und ich waren mit dem Auto unterwegs und wurden von der Polizei angehalten. Sie hielten uns sechs Stunden fest, wir mussten alles Mögliche unterschreiben, dann schickten sie uns wieder nach Hause. Wenige Stunden später, gegen zwei Uhr morgens, hat mich die Sicherheitspolizei wieder aus dem Haus geholt. Sie haben mich erneut verhört, ich musste wieder Papiere unterschreiben. Ich kam ins Gefängnis, wo ich weiter verhört wurde. Sie wollten vor allem wissen, ob ich Kontakte ins Ausland habe, fanden dann aber recht bald heraus, dass ich nur eine Alleinerziehende bin, die überhaupt nichts mit Politik zu schaffen hat.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie noch glimpflich davongekommen sind in einer absoluten Monarchie, die Frauen zu Peitschenhieben verurteilt?

Na ja. Es gab international Druck, und es ist kein Verbrechen, ein Recht einzufordern. Ich habe den Eindruck, die Offiziellen irritiert vor allem, dass ich überhaupt nicht aggressiv bin, sondern ganz ruhig vortrage, um was es mir geht.

Wie ist es Ihnen gelungen, über Ihre Verhaftung noch zu twittern?

Die Sicherheitspolizei hatte eine ganze Weile vor meiner Haustür gestanden. Es waren recht viele Männer in ziemlich vielen Autos, unübersehbar. Also twitterte ich, was ich durchs Fenster sah – mit dem Ergebnis, dass so ein mir bis dato völlig unbekannter Nachbar darauf aufmerksam wurde, sich draußen hinter einem Busch versteckte und schließlich seinerseits twitterte, dass sie mich mitgenommen haben. Ein Verhaftungs-Liveticker sozusagen. Viele unserer Follower sind die Nacht wach geblieben, um die Nachricht über das Netz weiterzuverbreiten. Ich liebe Twitter, es ist wunderbar, dass man so Nachrichten aus dem wahren Leben bekommen kann – ganz ohne die korrupten Journalisten, denen die Regierung alles diktiert.

Soziale Netzwerke haben auch im Arabischen Frühling eine große Rolle gespielt.

Die Idee ist: Dieselben Netzwerke, die du normalerweise nutzt, um mit deinen Freunden in Kontakt zu bleiben, entpuppen sich plötzlich als Werkzeug, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. In Ägypten herrscht Facebook, bei uns Twitter. Ich war anfangs skeptisch und dachte, mit 140 Zeichen könne man nichts bewegen. Ein großer Irrtum. Gestern hatte ich 125 000 Follower. Leider sind es zum überwiegenden Teil stumme Follower.

Sie meinen: Ihre Follower melden sich nicht selbst zu Wort?

Frauen können in Saudi-Arabien über vieles reden, nicht aber über ihre Rechte. Es gibt kaum jemanden, der sich öffentlich hinstellt und den Mund aufmacht. Meine beste Freundin ist Lehrerin, sie erzählte mir von einer Kollegin. „Ich weiß, dass Manal recht hat“, meinte diese Kollegin. „Ich will auch diese Rechte haben, für die sie kämpft. Doch den Preis dafür bezahlen? Nein. Sie wird das schon für uns regeln.“ Das stimmt natürlich nicht. Wenn man sich nicht selber anstrengt, wird man nichts bekommen.

Erzählen Sie bitte, wie aus Ihnen eine Kämpferin geworden ist.

Kann ich etwas ausholen? In meinem ersten Leben war ich fanatische Islamistin. Ich stamme aus einem sehr konservativen Elternhaus, meine Mutter ist streng gläubig. In der Schule lernte ich, alles zu vermeiden, was den reinen Glauben in den Schmutz ziehen könnte. Ich erfuhr, dass die anderen uns hassen, also hasste ich sie zurück. Ein ganz normaler Schultag bestand ja zur Hälfte aus Religionsunterricht. Gehirnwäsche für Kinder! Bei mir lief es darauf heraus, dass ich all meine Zeichnungen verbrannt und predigend den Fernseher abgeschaltet habe, wenn meine Eltern eine Sendung sehen wollten. Bis zu meinem 21. Lebensjahr habe ich mich von meiner eigenen Familie isoliert.

Das hat Ihre Familie akzeptiert?

Nein. Meine Eltern versuchten mir zu erklären, ich sei nicht auf dem richtigen Weg. Ich war nur als kleines Mädchen schon stur: Jede Erfahrung musste ich erst selber machen. Das war schrecklich für sie. Auch heute mute ich ihnen wieder viel zu. Wenn mein Vater zum Freitagsgebet in die Moschee geht, kann es sein, dass er sich eine Predigt anhören muss, in der ich als Hure bezeichnet werde. Zum Glück vertraut er mir, das ist das größte Geschenk.

Was hat Sie Ihr Leben ändern lassen – von der radikalen Islamistin zur Kämpferin für Frauenrechte?

Die Anschläge vom 11. September 2001. Ich weiß noch genau, wie ich die Bilder im Fernsehen gesehen habe und begriff: Es waren keine Trümmerteile, sondern Menschen, die vom World Trade Center in die Tiefe stürzten. Und die Männer, die ich fast mein ganzes bisheriges Leben als Helden verehrt hatte, weil sie den wahren Islam lebten, hatten Schuld an dieser Tragödie. Ich stand richtig unter Schock und sah fortan die Welt mit anderen Augen. Ich entdeckte, dass der Islam eine friedliche Religion sein kann – und das Internet. Es war wie ein Tor in eine andere Welt. Den Siegeszug der Satellitenschüsseln in den 90er Jahren hatte ich ja verpasst.

In Ihrem Land dürfen Männer bis zu vier Frauen gleichzeitig haben – gleichzeitig retuschiert Ikea die Frauen aus dem saudischen Katalog. Im November gab es in Deutschland Schlagzeilen, dass saudische Ehemänner automatisch eine SMS erhalten, wenn ihre Frauen die Landesgrenze überqueren …

… wir sind von echter Chancengleichheit sehr weit entfernt, aber Sie müssen auch sehen, dass sich etwas tut. Der Arabische Frühling weht in unser Königreich rüber. Ein Detail: Frauen experimentieren mit der Farbe ihrer Abiyas. Eigentlich sollen die schwarz sein, nun sind sie dunkelgrün.

In Deutschland diskutierte man dieses Jahr über eine Frauenquote in Verlagshäusern und Aufsichtsräten. Was denken Sie darüber?

Hochinteressant, wirklich. Sie leben doch in einer Demokratie! Sie brauchen keine Quote. Außerdem finde ich es ungerecht, wenn jemand nur wegen seines Geschlechts bevorzugt wird. Neulich stand ich in London auf der Damentoilette vor dem Spiegel, da sprach mich eine Fremde an: „Du bist so inspirierend, durch dich begreifen wir erst, wie privilegiert wir sind!“ Schon rührend. Ich dachte nur: Warum müsst ihr, die ihr wirklich alle Chancen habt, eigentlich inspiriert werden?

Was ist Ihnen am wichtigsten bei der Erziehung Ihres Sohnes?

Die offiziellen Schulbücher sind meine größte Sorge. Die sind intolerant, setzen Frauen herab. Also wird sich bei den Kindern die Einschätzung durchsetzen, dass Männer Frauen überlegen sind. Ich setze mich mit meinem Kleinen hin und rücke alles wieder gerade, was der Unterricht verbockt hat. Das Doppelleben, das ich mit ihm führen muss, ist absurd. Wenn er mich außerhalb des Compounds verschleiert sieht, sagt er: „Können wir bitte wieder nach Hause?“

Sie reisen viel umher, sind oft im benachbarten Dubai. Wo gefallen Ihnen eigentlich die Straßen am besten?

Wollen Sie ein Geheimnis erfahren? Lachen Sie jetzt bitte nicht. Autofahren macht mich fertig, es stresst mich total.

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