Zeitung Heute : Arbeit als Trotzdem

CHRISTOPH FUNKE

Peter Stein startet seine Tschechow-Vorlesung an Berlins HdKCHRISTOPH FUNKEEin schlechtes Beispiel hat Anton Tschechow der Welt gegeben - durch seine Bescheidenheit.Thomas Mann schreibt das 1954 in seinem "Versuch über Tschechow", und Peter Stein stellt Gedanken aus diesem Essay an die Spitze seiner Vorlesungen über den russischen Dichter.Auch diesmal geht der Dozent im Fachbereich Darstellende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin sehr behutsam vor.Er legt vorsichtig Zugänge zu Tschechow frei - nicht durch trockene Systematik, sondern durch eine leichte, improvisatorische Art, die Eigenarten im Leben und im künstlerischen Schaffen dieses besonderen Menschen zu finden, zu beschreiben.Wie Thomas Mann Tschechow "in tiefer Sympathie" verbunden, weist Peter Stein auf die strenge ethische Beurteilung des eigenen Tuns hin, der sich der Arzt, Erzähler und Dramatiker zeitlebens unterwarf.1860 in Taganrog geboren, starb Tschechow schon mit 44 Jahren an Lungentuberkulose.In diesem kurzen Leben galt ihm die Arbeit als Grundlage jeder Kultur. Für einen Moment greift Peter Stein vor, wenn er Tschechows wichtige, ja entscheidene Beteiligung an der 1898 erfolgten Gründung und am Erfolg des Moskauer Künstlertheaters feststellt.Der Dramatiker steht an der Schwelle einer neuen Theaterkunst, ist mitverantwortlich für die "Aufsplitterung" der Theaterberufe, die eine plötzlich mögliche Selbständigkeit von Autor, Regisseur, Schauspieler und die neuen, komplizierten Beziehungen zwischen diesen Künstlergruppen zur Ursache hatte.Die Wurzeln des Theaters im 20.Jahrhundert, auch des deutschen, sind nicht zuletzt in dieser Zusammenarbeit von Tschechow, Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko gelegt worden, resümiert Stein. Und dann doch Biographie, die Beschreibung einer Jugend in Armut, mit dem Zwang, Geld zu verdienen, die Familie zu unterhalten.Peter Stein geht es beim Nachvollziehen dieses Werdegangs, der zum Beruf des Arztes führt, um die überraschenden Entscheidungen, die Tschechow an Wendepunkten eines eigentlich "nicht spektakulären" Lebens trifft - Entscheidungen, deren ethische Konsequenz Hochachtung abnötigt.Der Mediziner verfaßt nebenher Humoresken, wird zum höchst erfolgreichen Modeschriftsteller, betrachtet seine künstlerische Arbeit allein als Broterwerb und verdient tatsächlich viel Geld mit ihr.So gesteht Tschechow seine Verblüffung, als ihn, 1886, ein anerkannter Schriftsteller fordernd auf sein Talent hinweist.Von diesem Zeitpunkt an begegnet Tschechow seiner Geliebten, der Kunst, mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Verantwortung wie seiner Ehefrau, der Medizin.Er hat dieses Bild oft gebraucht, um das "Jagen mit zwei Hasen" zu erklären, das Festhalten an der aufopferungsvollen ärztlichen Tätigkeit neben dem Schreiben, das er nun nicht mehr "literarischer Bedeutungslosigkeit" (Brief an Grigorowitsch) ausliefern will. Immer wieder betont Tschechow dabei, daß er ein freier Künstler sein will."Ich hasse Lügen!" Und doch holten ihn die Lügen ein, nach seinem Tode, in einer Zeit langanhaltender Umstrittenheit seines Werks.Es wurde verleumdet und kanonisiert, mißbraucht als Beleg für "sozialistischen Realismus" und später, in den sechziger Jahren, wiederum beschädigt durch eine kurzsichtige Anti-Stanislawski-Kampagne.Auch darüber spricht Peter Stein, den Haltungen nachspürend, die Tschechow einnahm - als einer, der objektiver Beobachter sein wollte, sich den geforderten "Stellungnahmen" entzog.Aber dieser Mann war fähig, sich in einer künstlerischen Krise Äußerstes abzuverlangen - die Reise nach Sachalin 1890.Trotz der zu seiner Zeit unheilbaren Tuberkulose, deren erster Ausbruch ihn schon sechs Jahre vorher heimsuchte, nimmt der Dichter die Widrigkeiten der Reise und des Klimas auf sich.Er beschreibt die Zustände auf der Sträflingsinsel so genau, so unprätentios, legt eine so unanfechtbare Kartei der Lebensumstände der Gefangenen an, daß die zaristische Verwaltung Änderungen herbeiführen muß.Der Entschluß zur Reise kam dabei aus einer "vernichtenden Selbstkritik".Peter Stein wird dem Tschechowschen Arbeitsethos - Thomas Mann: "ein seltsames Trotzdem" - in weiteren Vorlesungen nachspüren. Bis 20.November, jeweils dienstags und donnerstags 15.15 - 17 Uhr, Theater- und Probensaal der HdK Berlin, Fasanenstr.1 b.

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