Arbeit in Krisengebieten : Afghanistan: Als Zivilist zwischen den Fronten

Etwa 500 deutsche Zivilisten halten sich noch in Afghanistan auf, darunter viele Mitarbeiter deutscher Firmen. Wie gehen die Deutschen dort mit der Gefahr von Entführungen und Attentaten um?

Ulrike Scheffer

Anfang Juni sah die Welt in Afghanistan noch anders aus. Trotz der schlechten Sicherheitslage verzeichnete die afghanische Investitionsbehörde „Aisa“ ein wachsendes Interesse ausländischer Unternehmen. Seit 2003 seien rund 2,4 Milliarden US-Dollar in Afghanistan investiert worden, 6200 Unternehmen hätten sich als Investoren registrieren lassen, teilte Aisa mit. Der Internationale Währungsfonds sagte für 2007/2008 ein sattes Wachstum von zwölf Prozent voraus, die Weltbank lobte die Wirtschaftsreformen der Regierung. In Afghanistan, so die Botschaft, lässt sich Geld durchaus verdienen. Die Entführung der beiden deutschen Ingenieure hat jedoch deutlich gemacht, welche Risiken mit einem Einsatz in dem Land verbunden sind.

Wirtschaftsvereinigungen wie der Nah- und Mittelostverein raten ihren Mitgliedern daher, nur noch Mitarbeiter in das Land zu schicken, die Erfahrungen mit Krisensituationen haben. „Ohne professionelle Vorbereitung sollte niemand nach Afghanistan reisen“, sagt Helene Rang, Vorstandsmitglied des Vereins. Einige Handelskammern bieten inzwischen Seminare zum Thema „Arbeiten in Krisengebieten“ an oder vermitteln Sicherheitsfirmen.

Wie viele deutsche Firmen Mitarbeiter nach Afghanistan entsandt haben, ist nicht bekannt. Insgesamt leben und arbeiten neben den gut 3000 Bundeswehrsoldaten wohl rund 500 weitere Deutsche in Afghanistan, darunter viele Afghanen mit deutschem Pass. Ihnen allen rät das Auswärtige Amt in Berlin in seinen Sicherheitshinweisen „zu größtmöglicher Vorsicht“. Überlandfahrten zum Beispiel sollten nur im Konvoi und mit einheimischer Begleitung erfolgen. Für die meisten Hilfsorganisationen gilt das schon lange. So hat die Welthungerhilfe seit einigen Monaten eine „Two-Car-Policy“. Seit im Frühjahr zwei ihrer Mitarbeiter bei Überfällen ermordet wurden, dürfen sich Projektmitarbeiter in ländlichen Gebieten nur noch in einer Kolonne von mindestens zwei Fahrzeugen bewegen. „Einheimische Kollegen sind immer dabei, denn über Kontakte in die umliegenden Dörfer wissen sie, wo aktuell Gefahren lauern“, erläutert Simone Pott von der Welthungerhilfe. Ein gemeinsames Sicherheitsbüro der Hilfsorganisationen sammelt außerdem Informationen über die aktuelle Sicherheitslage und gibt täglich Hinweise an die Helfer weiter.

Einen hundertprozentigen Schutz vor Entführungen gibt es trotz aller Vorsicht aber nicht. Deshalb schicken immer mehr Hilfswerke ihre Mitarbeiter zu einem Sicherheitstraining der Bundeswehr, bei dem auch eine Entführung simuliert wird. Einen ganzen Tag lang werden die Teilnehmer von Soldaten festgehalten – gefesselt und mit Kapuze über dem Kopf. Sie müssen Verhöre über sich ergehen lassen, werden bedroht und gedemütigt. „Einige Kollegen haben danach entschieden, nicht mehr in akuten Krisengebieten zu arbeiten“, sagt Simone Pott, die ein solches Training absolviert hat. Wer sich nicht abschrecken lässt, bekommt für den Ernstfall wichtige Verhaltensregeln und Tipps von Psychologen mit auf den Weg.

Eine weitere Gefahr in Afghanistan: In umkämpften Gebieten können Zivilisten leicht zwischen die Fronten geraten. Im Bundeswehr-Camp in Hammelburg stellen Soldaten daher Waffen und ihre Wirkung vor. Die Helfer lernen, wie sie sich in einem Minenfeld bewegen sollen und wo sie Schutz finden, wenn sie beschossen werden. Für Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Simone Pott war das der wertvollste Teil des Trainings: „Ich weiß jetzt, auf welche Seite ich mich werfen muss.“

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