Arbeitslosigkeit : Wie viel Krise ist schon da?

Es gibt mehr Arbeitslose, aber weniger als erwartet. Aber der Einbruch soll noch kommen - im Süden. Wie viel Krise ist schon da?

Heike Jahberg[Marc Mudrak],Christian Tretbar
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Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. So in etwa lautet die einhellige Botschaft der meisten Beobachter zur Veröffentlichung der aktuellen Arbeitsmarktdaten. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von Juni auf Juli um 52 000 auf 3,462 Millionen. Aber viele hatten einen deutlicheren Anstieg erwartet. Von bis zu 100 000 Arbeitssuchenden mehr gingen Experten aus.

Wer ist besonders betroffen?

Betroffen von der Krise sind vor allem junge Männer. Die Arbeitslosenquote bei jungen Männern zwischen 20 und 25 Jahren stieg insgesamt um 1,4 Prozentpunkte von 7,5 auf 8,9 Prozent an. Weise begründet das damit, dass Männer in dieser Altersklasse nicht nur häufiger befristete Arbeitsverträge erhalten, sondern aufgrund der Sozialauswahl auch eher entlassen werden. Insgesamt sei die Jugendarbeitslosigkeit im Juli im Vergleich zum Vormonat um 67 000 auf 429 000 gestiegen. Laut BA werden weiter Jobs im verarbeitenden Gewerbe, in der Logistik und in der Zeitarbeit abgebaut. Dagegen würden in den Bereichen Erziehung, Soziales und Gesundheit sowie im Gastgewerbe weiterhin Mitarbeiter gesucht. Im Juli waren 484 000 offene Stellen gemeldet.

Warum ist es nicht so schlimm wie erwartet?

Dass es nicht noch schlimmer gekommen ist, liegt vor allem an der Kurzarbeit. Sie ermöglicht es den Firmen, Personal zu halten, obwohl eigentlich nicht genug Arbeit für alle da ist. Finanziell abgefedert wird das durch das Kurzarbeitergeld, das die Arbeitsagenturen zahlen. Nach Schätzungen der BA arbeiten derzeit zwischen 1,3 und 1,4 Millionen Menschen kurz. Und der Trend hält an: Für den Juli rechnet die BA damit, dass die Unternehmen für weitere 170 000 bis 180 000 Beschäftigte Kurzarbeit anmelden werden. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Kurzarbeiter, die aus konjunkturellen Gründen ihre Arbeitszeit verringern müssen, damit förmlich explodiert. Im Juli vergangenen Jahres arbeiteten nur 31 000 Arbeitnehmer kurz. Der BA beschert die Kurzarbeit Milliardenkosten. Bis zum Jahresende werden die Arbeitsagenturen schätzungsweise 5,1 Milliarden Euro ausgeben. Nach Meinung von Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist das aber gut investiertes Geld. „Wenn der Staat Schulden macht, dann dort“, sagte er dem Tagesspiegel.

Wie geht es weiter?

In einem sind sich alle einig: Es wird schlimmer. Die Frage ist nur, wie schlimm es wird. BA-Chef Frank-Jürgen Weise rechnet für das kommende Jahr mit einer durchschnittlichen Erwerbslosigkeit von rund 4,5 Millionen Menschen. Ob die Zahl der Arbeitslosen bereits in diesem Jahr über die Vier-Millionen-Schwelle klettere, hänge von der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Winterwetter ab. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht dagegen „gute Chancen“, saisonbereinigt im Dezember unter der Vier-Millionen-Marke und auch im nächsten Jahr unter der Fünf-Millionen-Schwelle zu bleiben. „Die Unternehmen können ihre Kosten auch ohne Entlassungen senken“, sagte er dem Tagesspiegel. Das funktioniert über flexible Arbeitszeiten und den Abbau von Urlaub. DIW-Chef Zimmermann rechnet „spätestens im Oktober oder November“ mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen, geht aber auch davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr „deutlich unter vier Millionen“ bleiben wird. Den Höhepunkt der Arbeitslosigkeit erwartet er für Ende des nächsten Jahres, wenn die Unternehmen Überkapazitäten abbauen. Das gelte etwa für die deutsche Autoindustrie, die nach Auslaufen der Abwrackprämie Stellen abbauen muss. „Aber auch dann bleiben wir unter fünf Millionen“, erwartet der DIW-Präsident.

Warum hinkt der Arbeitsmarkt der Krise hinterher?

Der Arbeitsmarkt hinkt der Konjunktur mit mehrmonatiger Verspätung hinterher – im Guten wie im Schlechten. Denn auch wenn die Aufträge ausbleiben, setzen die Firmen ihre Belegschaft nicht gleich auf die Straße. Denn zunächst werden noch die Aufträge abgearbeitet, die in den Auftragsbüchern stehen. Dann versuchen die Unternehmen, mit flexiblen Lösungen über die Runden zu kommen. So halten sie Fachkräfte, die sie für die Zeit nach der Krise dringend brauchen. Und so vermeiden sie auch teure Sozialpläne und Abfindungen. Daher schlagen sich Krisen nicht unmittelbar auf dem Arbeitsmarkt nieder. Allerdings dauert es im Gegenzug auch einige Monate, bis die Firmen nach einer wirtschaftlichen Erholung wieder neue Leute einstellen.

Wie verteilt sich die Krise im Land?

In Sachen Arbeitslosigkeit führen vor allem der Osten aber auch einige Regionen im Westen die traurige Liste an. Aber das könnte sich schon bald ändern. Oder besser: annähern. Denn wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, trifft die Krise den Süden deutlich härter als den Norden. Demnach sind die Länder Bayern und Baden-Württemberg sowie Teile Nordrhein-Westfalens und Sachsens am stärksten betroffen. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein hingegen leiden weniger unter der Krise.

Für die Studie wurden in jedem Landkreis die Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahlen aus dem Juni mit den kürzlich gestellten Anträgen auf Kurzarbeit zusammengelegt. Die Ergebnisse zeigen die bisherigen und die noch drohenden Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt. Die gewonnen Daten wurden dann mit der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Branchen in den Kreisen verglichen. Die Prognosen verbessern oder verschlechtern sich, je nachdem ob und wie viele kriselnde Wirtschaftszweige in der Region angesiedelt sind.

So ist die Auto- und Maschinenbau-Region Stuttgart von der Krise „sehr stark betroffen“, heißt es in der Studie. Die schwächelnde Chemieindustrie verstärkt die Krise auch in Ludwigsburg. In vielen Kreisen Brandenburgs, die eher landwirtschaftlich geprägt sind, schlägt der Abschwung kaum durch. Auch Regionen mit vielen Dienstleistern ohne Industrie sind besser vor der Krise geschützt.

Allerdings birgt die Studie noch einige Unwägbarkeiten. Die Branchendaten, die für die Untersuchung verwendet wurden, beziehen sich auf die gesamte Bundesrepublik und wurden einfach auf die Regionen übertragen. Zudem stammen viele Branchenstatistiken aus dem Jahr 2008 und zeigen noch nicht die ganze Wucht der Krise. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass diese von der Krise betroffenen Regionen vorher, im Aufschwung, auch stärker profitiert haben und die vermeintlich krisenresistenten Gegenden im Norden auch nicht von konjunkturellen Hochphasen so stark profitieren. Sie stagnieren eher auf niedrigem Niveau, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht und auf hohem Niveau, was die Zahl der Arbeitslosen betrifft.

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