Zeitung Heute : Arbeitsmarkt Brüssel: Die Besten kommen auf die Reserveliste

Regina Köthe

Brüssel ist nicht nur der Sitz der Europäischen Union und damit ein Umschlagplatz internationaler Politik. Wer architektonische Vielfalt und exquisite Küche liebt, der wird in Brüssel leicht heimisch werden. Hier gibt es die berühmte flämische Küche und die erlesendsten Pralinen, die von Verkäuferinnen mit weißen Handschuhen und silbernen Zangen in hübsche kleine Kartons verpackt werden. Und auch kulturell hat die belgische Hauptstadt, deren Wahrzeichen ein kleiner pinkelnder Junge - "Manneken Pis" - ist, einiges zu bieten. Dennoch scheinen die Deutschen wenig von den Reizen der Stadt und den Chancen einer Karriere als EU-Beamter zu wissen, die Brüssel als Sitz der Europäischen Kommission bietet. Die Franzosen und Italiener sind da umtriebiger. Das mag auch daran liegen, dass erst der Luxemburger Jacques Santer und seit 1999 der Italiener Romano Prodi Präsident der Kommission sind.

Bei den Stellenausschreibungen der vergangenen Jahre haben sich relativ wenig deutsche Kandidaten beworben, stellt Petra Sigmund, Mitarbeiterin der deutschen EU-Vertretung, mit Bedauern fest. Damit sich das ändert, hat das Auswärtige Amt in diesem Jahr beschlossen, etwas mehr an die Öffentlichkeit zu treten und die Kandidaten aktiv zu unterstützen. "Die diesjährige Ausschreibung ist eine große Chance für deutsche Absolventen", betont Ministerialdirigent Matei Hoffmann, Koordinator für internationale Personalpolitik im Auswärtigen Amt. Sein Ziel ist es, hochqualifizierte Kandidaten für die EU und für die Europäische Kommission zu interessieren: "Wir brauchen junge Fachkräfte in der Kommission."

Insgesamt werden europaweit 400 neu zu besetzende Stellen in den verschiedenen Generaldirektionen in Brüssel ausgeschrieben. Veröffentlicht werden die Ausschreibungen im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften sowie in überregionalen Zeitungen. Das Auswahlverfahren der Europäischen Kommission, "Concours" genannt, ist relativ aufwendig. Die dreiteilige Prüfung umfasst einen großen Multiple-Choice-Test und eine praktische schriftliche Prüfung (case study). Wer diese beiden Prüfungen bestanden hat, der wird zum mündlichen Gespräch nach Brüssel eingeladen.

Die beiden ersten Prüfungsteile werden im jeweiligen Land in ein oder zwei Städten durchgeführt. Was gefordert und abgefragt wird? Neben Allgemein- und Fachwissen werden Fragen zur EU und zu Europa gestellt und die Sprachkenntnisse aufs Genaueste geprüft. Keine leichte Aufgabe, aber zu bewältigen, wenn man sich entsprechend vorbereitet. In diesem Jahr bietet man für geeignete Kandidaten Vorbereitungskurse an, um sich auf den Concours einzustellen. "Das kann man sich ähnlich wie ein Repetitorium bei den Juristen vorstellen", meint Matei Hoffmann. Den Kandidaten, die in die Endauswahl kommen, wird zudem ein Coaching mit Simulationsinterviews angeboten. Die Auswahlverfahren erfolgen dieses Jahr in drei Wellen. Im Januar wurde die erste Ausschreibung für Stellen im Bereich Zölle veröffentlicht, es folgen noch Ausschreibungen zu den Bereichen Steuern, Außenbeziehungen, Justiz, Wirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz. Das Spektrum ist also breit gefächert und wer bereits Fachkenntnisse und einige Jahre Berufserfahrung hat, der sollte überlegen, ob es nicht Zeit für einen Karrieresprung nach Brüssel ist.

Gesucht werden je nach Ausschreibung Hochschulabsolventen, Bewerber mit drei- bis vierjähriger oder mit zwölfjähriger Berufserfahrung. Die A- beziehungsweise B-Laufbahn der Europäischen Kommission entspricht dem höheren beziehungsweise gehobenen Dienst der deutschen Beamten. Besonders interessiert ist man an der Bewerbung von hochqualifizierten Frauen. Dies will man durch infrastrukturelle Angebote wie Ganztagsschulen und Hortplätzen in Brüssel unterstützen, die auch Frauen mit Kindern den Einstieg in die europäische Karriere erleichtern.

Und wann geht es für die erfolgreichen Kanddiaten nach Brüssel? Wer den Concours erfolgreich bestanden hat, kommt auf die so genannte Reserveliste. Wer auf dieser Liste steht, kann ab Ende 2001 von einer Dienststelle der Europäischen Kommission eingestellt werden. Und dann beginnt eine vielseitige und anspruchsvolle Tätigkeit im internationalen Rahmen.

Informationen im Internet unter: www.auswaertiges-amt.de und europa.eu.int/en/comm/dg09/career/de/cover.htm .

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