Zeitung Heute : Arbeitsmarkt der Zukunft: Herausforderung an die Kreativität

Regina-C. Henkel

Was früher Beschäftigungsfähigkeit hieß, nennt sich heute Employability. Die US-amerikanische Bezeichnung hat sich weltweit durchgesetzt - auch in der deutschen Wirtschaft. Der simple Grund: Deutsche Großunternehmen und auch mittelständische Betriebe müssen sich für den globalisierenden Weltmarkt völlig neu aufstellen. Ihr Ziel sind wettbewerbsfähige Spitzenleistungen und deshalb konzentrieren sie ihre Kräfte auf ihre Kernkompetenzen: die Entwicklung und den Verkauf moderner Technik. Weil dafür ein hohes Bildungsniveau unverzichtbare Voraussetzung ist, sind Weiterbildung und lebenslanges Lernen zu den Zauberworten der dritten industriellen Revolution geworden. Vor allem im Zusammenhang mit Employability.

Zum Thema Online Spezial: Arbeit.los! Und das hat die Philosophen auf den Plan gerufen. Für sie ist die neue Modevokabel nicht nur ein "Schlüsselbegriff für die Zukunftssicherung Deutschlands". Für sie muss sie im historischen Zusammenhang mit dem Begriff "Krise" gesehen werden. Der Düsseldorfer Kommunikationsberater Kurt E. Becker beispielsweise stellt fest, dass "wirklich große Gedanken und Konzepte" immer dann entstanden, wenn es bergab ging: "Platon schrieb seine Politeia, als der athenische Stadtstaat seinen Höhepunkt überschritten hatte, und ohne die Malaise des chinesischen Staatswesens gäbe es auch Laotses Tao te King nicht. Jede Krise war und ist eine Herausforderung menschlicher Kreativität." Für den Philosophen Becker hat "Employability durchaus den Charme eines utopischen Entwurfs."

Die Unternehmen scheinen das ähnlich zu sehen. Die kreative Chance und auch den utopischen Aspekt von "Beschäftigung" plus "Fähigkeit" plus "Krise" ergreifen sie jedenfalls. Mit anhaltend hohen Investitionen in die Mitarbeiter-Qualifikation (jährlich rund 20 Milliarden Euro) erfüllen sie ihren finanziellen Part beim Aufbau der Wissensgesellschaft. Und zunehmend engagieren sie sich darüber hinaus auch gesellschaftlich. Die Konferenzen beim Institute of Business Ethics (ibe) in London, in denen andere mit "ability" zusammengesetzte Vokabeln im Mittelpunkt stehen, sind gut besucht. Und beispielsweise der Standard "Social Accountability 8000" (SA8000), der zu sozial verantwortlichem Handeln (etwa Ausschluss von Kinderarbeit) verpflichtet, ist auch für immer mehr Unternehmen eine Selbstverständlichkeit.

Im Gegenzug erwarten die Arbeitgeber, dass die Mitarbeiter eigenverantwortlich etwas für ihre individuelle Employability tun. Wer sich nicht selbst kümmert, läuft Gefahr, dauerhaft in die Arbeitslosigkeit zu rutschen. Denn "der Arbeitsmarkt der Zukunft", sagt Arbeitsmarktexperte Mario Gust aus Kleinmachnow, "kennt nur noch drei große Gruppen: die Wissensarbeiter, die passiv Angelernten und die Gruppe der neuen Analphabeten, die nicht über ausreichende Grundfertigkeiten der Wissensgesellschaft verfügen."

Wirkliche Arbeitsplatzsicherheit wird nach Überzeugung von Gust freilich "nur noch der Wissensarbeiter erleben, der seine Qualifikation fortlaufend anpasst". Er werde sogar eine Wahl haben: Entweder kann er als spezialisierter Zulieferer von Wissen selbstständig tätig sein oder er kann sich mit seinen Kernkompetenzen einer Schlüsselbelegschaft dauerhaft anschließen. Gust ist sicher: "Bereits in zehn Jahren werden viele Unternehmen ihre Belegschaft auf einen Kern von nur noch 50 Prozent des heutigen Volumens reduziert haben."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben